Ich schreibe hier sehr oft und gern über die alles überstrahlenden Social-Network-Schwergewichte MySpace und Facebook – und ebenfalls sehr oft, aber weniger gern über das deutsche Pendant StudiVZ. Es gibt unzählige weitere Netzwerke, die hier auch ab und an mal thematisiert werden, und noch viel mehr Netzwerke, über die ich vermutlich nie schreiben werde, einfach weil sie zu klein, zu belanglos oder einfach Beides sind.
Wenn man heute ein neues Social Network an den Start bringt, dann sollte man möglichst eine neue Idee haben. Irgendwas, was es für mich interessant machen könnte, dort angemeldet zu sein, obwohl ich dort im Gegensatz zu den anderen Communities erst mal nicht einen einzigen "Freund" habe und mir so den Sinn des sich-dort-Aufhaltens erst einmal erarbeiten muß.
Insofern ist schon der Erfolg von StudiVZ ein sehr überraschender: Technisch hat man sich schon beim Launch hinter den Vorzeige-Netzwerken einsortiert und seit diesem Tag auch nicht viel Boden gutmachen können – im Gegenteil: man steht still, während sich die Welt um einen herum schnell vorwärts bewegt. Vermutlich war man einfach mit einer guten Idee zum rechten Zeitpunkt am Start und konnte so eine mehr als ansehnliche Masse von Menschen mobilisieren, die sich schon lange nicht mehr nur aus Studentenkreisen oder deren Sympathisanten rekrutiert.
Aber man glaubt, dass dann doch auch irgendwann Schluß sein müsste, oder nicht? Wie oft melde ich mich neu irgendwo an, such mir neue Freunde oder versuche, die woanders vorhandenen ebenfalls zum Anmelden zu überreden? Für Jemanden wie mich scheint klar, dass man entweder bei einem der bereits etablierten Netzwerke bleibt, oder sich nur in dem Fall ein weiteres, neues Netzwerk sucht, wenn es eine spezielle Nische abdeckt. Als Beispiel sei jetzt mal ein Portal wie das gerade an den Start gegangene WirsindGolf genannt, welches bewusst nur ein sehr begrenztes Klientel anspricht. Ist in diesem Falle aber egal, denn selbst bei nur 2000 Mitgliedern hätte ich 2000 Golf-Gleichgesinnte – und die muß man auch bei einem der Network-Giganten erst mal finden… Für Jemanden, der gerne Golf spielt, ist es sicher eine Alternative zu den anderen Netzwerken, welche monetären Möglichkeiten der Betreiber hat, lasse ich jetzt mal aussen vor.
Wie gesagt – dieses Beispiel wäre eine dieser Ausnahmen, die in meinen Augen einen Launch eines Social Networks in diesen Tagen rechtfertigen würde. Aber da ich nur derjenige bin, der über diese zweinulligen Wirrungen des Netzes schreibt, statt selbst ein erfolgreiches Netzwerk zu betreiben, fehlt mir anscheinend der Blick für die Möglichkeiten und Chancen in dieser Branche. Anders kann ich es mir nicht erklären, wieso eine Plattform wie wer-kennt-wen einen derartigen Erfolg in unserem Land feiern kann. Laut dem Mediendienst Kress bringt es WKW mittlerweile auf 88Mio Visits und 3,2 Mio User. Zahlen, die sicher auch die Holtzbrinck-Sippe beeindrucken sollte.
Wenn man die VZs addiert, kommt man zwar auf eine Zahl, die immer noch mehr als drei Mal so groß ist, aber angesichts mehr als 100000 Neuanmeldungen monatlich, kann es nicht lange dauern, bis man zur VZ-Gruppe aufschließt.
Beim StudiVZ muß man ja auch noch berücksichtigen, dass dort die unzähligen Karteileichen immer noch mit eingerechnet werden, weil man sich hartnäckig weigert, die Profile derjenigen, die nicht mit den AGB-Änderungen einverstanden waren, zu löschen.
Aber zurück zu WKW – Was macht den Reiz aus? Für mich als Kind des Ruhrgebietes ist es nur zu erahnen, aber wenn man denn aus den südwestlichen Gefilden unserer Nation stammt, stellt sich das komplett anders dar.WKW ist die Community, in der ich Leute finde, denen ich bis dato nicht zugetraut habe, dass sie auch nur in der Lage sind, eine simple e-mail zu verfassen. Tatsächlich ist auch für viele Angemeldete dieses Social Network der allererste Kontakt mit dem sogenannten Mitmachweb. Dass man vor diesem Hintergrund bei WKW schon dramatische Userzuwächse zu verzeichnen hat, hat vor wenigen Tagen Robert mit Hilfe von Google Trends herausgearbeitet.
Ebenfalls schwer im Kommen und vielleicht noch überraschender als bei WKW ist das Social Network Hi5. Hi5 existiert schon seit 2003, was für ein Social Network eine halbe Ewigkeit ist. Laut comscore – Marktforscher mit Schwerpunkt auf dem Verhalten der Internetnutzer – hat hi5 nun plötzlich innerhalb des ersten Halbjahres 2008 um 79 Prozent zugelegt. Ich kenne dieses Netzwerk, hab es aber auch mehr aus der Ferne betrachtet – seit eben bin ich dort angemeldet und werde künftig versuchen zu ergründen, was diesen Erfolg ausmachen könnte ;)
Zu beobachten ist jedenfalls, dass hi5 ähnlich wie WKW auch regional sehr unterschiedlich verbreitet ist. So hat man zB in Portugal sämtliche anderen Netzwerke weit hinter sich gelassen und auch in Mittelamerika ist man stark verbreitet. Werde mich demnächst sicher nochmal dazu äussern, wo und wie dieses Wachstum explizit stattfindet.
Bis dahin bleibe ich mehr oder weniger verwundert über den Erfolg zweier Portale, die technisch sicher nicht zu den Innovationsweltmeistern gehören, aber dennoch irgendwas richtiger machen als die Masse der Konkurrenz.
Für Hinweise, welche viralen Marketingtricks diesen Erfolg begünstigen, wäre ich sehr dankbar ;)




