30 Jul, 2008
Mut zur Lücke - Leben im Schatten der großen Social Networks
Posted by: Casi In: Microblogs| Social Networks| zweipunktnull
Ich bin mir noch nicht ganz im Klaren darüber, ob ich weiterhin auf dramatische Überschriften setzen sollte, die meiner Meinung nach zum Beitrag passen, oder ob ich lieber seo-technisch clever vorgehen sollte und Überschriften wie "Gina-Lisas Sex-Video: hier erhältlich" verwende.
Fürs Erste belasse ich alles beim Alten, sinniere ein bis zwei Sätze lang über meine sorgfältig ausgewählte Überschrift und näher mich dann langsam dem Kern des Themas. Dieser Punkt wäre dann jetzt erreicht und die Einleitung offiziell beendet
Vor zwei Tagen hab ich laut über Strategien nachgedacht, die sich ein Startup-Unternehmen erarbeiten sollte, um im Bereich "Social Network" noch Fuß fassen zu können. Es hatte damit zu tun, dass ich den Erfolg von WKW - ähnlich dem von StudiVZ - nicht ganz nachvollziehen konnte und ich hab mir daraufhin überlegt, aus welchem Grund man heute noch optimistisch sein kann, ein erfolgreiches Social Network ins Leben zu rufen.
Mir persönlich sind 3 grobe Kategorien eingefallen:
- Ich bin mit meiner Idee, mit einer neuen, besseren Technik zuerst da und trete den Trend überhaupt erst los (Facebook)
- Ich setze auf eine Nische und richte mich an ein ganz spezielles Publikum
- ich kopiere irgendwas, was es bereits gibt, bin aber größenwahnsinnig genug, um zu denken, dass es dennoch das "next big thing" wird.
Bei Letzterem gibt es Beispiele dafür, dass dieser Geniestreich tatsächlich funktionieren kann, wie z.B. beim StudiVZ oder bei WKW. Meistens jedoch sind diese Unternehmungen zum Scheitern verurteilt. Je weiter man vorher die Klappe aufreißt, um ein Sensations-Portal mit nie gesehenen Features anzukündigen, desto eher und brutaler landet man auch auf dem Allerwertesten. Ich weiss nicht, ob es Sinn macht, zu solchen Seiten zu verlinken, aber nehmt es einfach als schlechtes Beispiel
Wobei der letzte der beiden Links zu MyFirstIdentity führt, denen man zugestehen muß, noch in der Alpha-Phase zu sein - die starten sicher noch durch
Heute möchte ich mich mal mehr auf den zweiten Punkt meiner Aufzählung konzentrieren. Wenn ich weiß, dass ich das Rad nicht neu erfinden kann, sollte ich zusehen, dass ich ein ganz spezielles Rad entwickel, eines das es nicht überall gibt, aber dennoch benötigt werden könnte.
Ein perfektes Beispiel in dieser Kategorie ist meines Erachtens last.fm. Ein klassisches Social Network mit den üblichen Funktionen wie eine Freundesliste, Blogfeature, Versand von privaten Nachrichten etc. Den Unterschied macht in diesem Fall aber der Schwerpunkt auf Musik. Ich sehe eben nicht nur, wenn meine Freunde online sind, sondern ich sehe auch, was sie am liebsten hören, was sie vorhin oder jetzt gerade hören und auf welche Konzerte sie gehen werden. Mittlerweile kann man sehr viel Musik auch von etablierten Künstlern in voller Länge auf der Seite hören und sogar in eigene Playlists oder Radios einbinden. Man taggt seine Songs, scrobbelt sie und erfährt dadurch, wer seine musikalischen Nachbarn sind, sprich: wer hört die gleiche Musik wie ich. Ein gleichermaßen einfaches als auch überzeugendes Konzept, welches sich bei den Usern längst durchgesetzt hat und die kritische Masse im Handumdrehen erreichte.
Andere Social Networks tun sich weitaus schwerer, einen Punkt zu erreichen, mit dem man als Entwickler zufrieden sein kann. Mit großem Wirbel gestartet waren auch Portale wie kaioo.com oder shortview.de. Kaioo-Nutzer versuchten mit mehr oder weniger zweifelhaften Methoden, StudiVZ-User zum Konvertieren zu überreden. Erreichen wollte man das durch eine besonders transparente Datenpolitik verbunden mit dem Plan, Werbeeinnahmen komplett in die Plattform zu investieren. Wie die Einnahmen verwendet werden, wie die AGBs ausschauen usw wird in enger Zusammenarbeit mit den Usern erarbeitet und ist sicher ein löblicher Ansatz - lediglich der Erfolg bleibt aus.
So stagniert kaioo schon seit Längerem, was die Nutzerzahlen angehen. Seit Neuestem kann man auch einen Strategiewechsel feststellen, so legt man den Fokus auf sogenannte "open networx". Soll heissen, dass jeder User sein eigenes Netzwerk errichten kann, welches sein individuelles Design etc aufweist. Mit diesem Schritt versucht man sich vermutlich im Fahrwasser von Open Social, Data availability und Konsorten an die großen Jungs ranzupirschen, aber der Versuch kann meines Erachtens nicht wirklich erfolgreich enden. Wieso sollte ich mich freuen, mit 30000 Usern bzw deren Netzwerken verbunden zu sein, wenn es bei den "richtigen" Networks Millionen sein könnten?
Ähnlich verläuft die Geschichte für shortwiew.de: Dort ist man technisch einem Portal wie StudiVZ weit voraus - es ist intuitiv, stylish und liefert Euch den üblichen Schnickschnack von Profilseiten über Video-Embedden und Upload von Foto-Alben. Zudem hat man sich auch auf seine Nische spezialisiert: Man definiert sich dort über seine Interessen. Für jedes Interesse - egal, ob es die Lieblingsstadt, ein Buch, Beruf oder eine Musikrichtung ist - wird eine Gruppe angelegt. So ist schon mal gewährleistet, dass man schnell seine Gleichgesinnten findet. In meinen Augen eine recht schöne Geschichte, wenn nur die Verbreitung eine andere wäre. Man befindet sich in einer ähnlichen Größenordnung wie kaioo wieder und dementsprechend gering sind die Chancen, dort auf Bekannte zu treffen. Muss jeder für sich ausmachen, ob ihm das Prinzip dieses Social Networks so gut gefällt, dass er dort versucht, neue Freunde zu finden, oder gar seine alten Freunde irgendwoanders loszueisen.
Neu im Geschäft ist ein Social Network namens want2do. Wobei neu nicht ganz richtig ist: Im Grunde geht es dort erst im August los und im Rahmen einer geschlossenen Betaphase wird dort gerade alles nochmal auf Herz und Nieren getestet.
Auch hier versucht man, die Nutzer durch eine etwas andere Ausrichtung zum teilnehmen zu ermutigen. Am ehesten stellt man sich want2do als ein mashup aus Social Network und Microblog a la Twitter vor. Mit dem Unterschied, dass man dort nicht innerhalb weniger Zeichen verbreitet, was man gerade isst, sieht oder macht. Wie nämlich der Titel des Networks schon erahnen lässt, liegt der Schwerpunkt nicht auf den Dingen, die man tat oder gerade tut, sondern darauf, was man tun wird. So eine Art "Getting things done" im Twitter-Stil. Witzigerweise kommen dort nicht nur die Standard-2dos zusammen wie abnehmen, Rauchen abgewöhnen etc, sondern durchaus witzige und kreative Geschichten wie "sich verlieben" oder "mehr Kleider tragen". Bei letztem Punkt hab ich übrigens nicht überprüft, ob die acht User, die dieses 2DO angelegt haben, alle weiblich sind
Habe ich mein 2DO angelegt und terminiert, kann ich es nachträglich natürlich noch bearbeiten. Ich kann es als gescheitert abhaken oder als erfolgreich bewältigt und ich kann darüber berichten - wenn ich möchte mit Bild- und/oder Videobeleg - ob und wie ich es bewältigt habe. Klingt einfach - ist es auch
Trotz Beta-Status läßt sich nämlich alles bis dato gut bedienen und das Interface macht einen aufgeräumten Eindruck. Wie gesagt, ich schätze es bislang so ein, dass man sich im Schatten der großen Social Networks (und Twitter) sein Plätzchen sichern möchte, und unter diesem Gesichtspunkt räume ich diesem Projekt auch durchaus gute Chancen ein. Mir gefällt diese Idee, sich quasi öffentlich vor allen Leuten selbst in den Ar*** zu treten, um sich einem Ziel ein wenig näher zu bringen
Wenn ich dabei Gleichgesinnte oder Freunde finde - umso besser.
Abschliessend möchte ich noch anfügen (als ob der Beitrag nicht so schon wieder lang genug wäre *g*), dass ich gerade bei den kleineren Netzwerken über die am ehesten berichten kann, die ich selbst intensiver genutzt oder getestet habe. Das soll also nichts Repräsentatives oder Allgemeingültiges sein. Ihr könnt mich gern wissen lassen, ob Ihr solche "Nischen"-Netzwerke kennt und nutzt - und ob darunter vielleicht welche sind, von denen Ihr überzeugt seid, dass sie eine größere Aufmerksamkeit verdient hätten.



