03 Sep, 2008
Nach einer Nacht mit Chrome – Begeisterung oder doch Katerstimmung?
Posted by: Casi In: World wide web
Wie oft hier auf meinem Blog gibt es Phasen, in denen bestimmte Themenkreise für eine gewisse Zeit einen größeren Platz in Anspruch nehmen als alle anderen Themen zusammen. Mal ist es Twitter, mal ist es Facebook – derzeit ist es Googles Ausrufezeichen im Browser War: Chrome!
Wäre ich mit mehr Pathos an meine letzten Beiträge hier gegangen, hätte ich meiner "Chrome-Trilogie" wohl andere Überschriften verliehen. So hätte der erste Teil "Die Legende" heißen können, während ich den Bericht über den Start schlicht "Die Ankunft" betitelt hätte. Für den heutigen dritten Teil wäre es echt schwieriger geworden. Zur Wahl stehen "Am Ende des Regenbogens" oder aber auch "Der Abschied"
Er dominiert die Blogosphäre, die Microblogs, die Internetpresse (auch jenseits der tech-affinen Portale) und sogar die herkömmlichen Medien, die von lokaler Presse über Bildzeitung bis Tagesthemen an prominenter Stelle über Chrome berichten. "Zu Recht" sagen die Einen – "Fail" schreien die Anderen.
Meine Meinung? Hmm, ich glaube, beide Seiten liegen irgendwie richtig.
Fakt ist erstmal, dass Google mit Chrome etwas auf den Weg gebracht hat, was lange überfällig gewesen ist. Während andere Browser abwechselnd sich selbst und die Konkurrenz betrachten um mehr oder minder marginale Innovationen zu präsentieren, macht Google wieder einmal alles anders. Klar schaut man auch auf die Konkurrenz – gerade bei Mozilla gibt es viele Dinge, an denen man Gefallen gefunden hat und die wegweisend für die anderen Browser sind. Andererseits löst man sich aber auch von allen Netscape-Ahnen und sucht einen neuen Ansatz.
Während Firefox, Internet Explorer, Safari, Opera und Co in schweisstreibender Arbeit versuchen, das Rad – wenn man es schon nicht neu erfinden kann – doch zumindest etwas runder zu machen, erfindet Google schlicht und ergreifend einen Düsenjet. Man hängt die Konkurrenz in Bereichen ab, von denen besagte Konkurrenz nicht mal wußte, dass sie zu ihren Aufgabengebieten gehören.
Wie gestern bereits spekuliert, könnt Ihr heute bei netzwertig.com ausführlichst lesen, was Google anders besser macht als die Mitbewerber um die Browser-Krone. Man will gar nicht in erster Linie eine Homepage noch ein klein wenig besser darstellen und eine Lesezeichenverwaltung noch einen Tick effizienter gestalten. Man setzt sich mehr damit auseinander, was passieren muß, damit ein moderner Browser den Anwendungen Tribut zollen kann, die es vor einigen Jahren noch gar nicht gab und die zwingend neue Überlegungen verlangen. Vielerorts ist von einem webbasierten Operating System die Rede, aber niemand hat vermutlich gedacht, dass Google dieses so schnell und im Schafspelz eines stinknormalen Browsers unter die Leute bringen würde. Chrome sieht jetzt schon ein wenig so aus, wie ein Web-Windows aussehen soll und ist jetzt schon weit mehr Bindeglied zwischen Desktop und Internet als die versammelte Konkurrenz zusammen.
Derzeit ist Cem noch damit beschäftigt, erste Meinungen und Erfahrungsberichte über den neuen Star der Browser-Szene zu sammeln. Hier könnt Ihr sehen, wer sich bei ihm bereits zum Thema geäußert hat.
Mir selbst hat Chrome eine – wenn man das sagen kann für die Zeit, die man einsam am PC verbringt – recht aufregende Nacht bereitet, mit gespannter Erwartung hier und Aha-Erlebnissen dort. Ich freue mich über das Design, über die Geschwindigkeit, über das kinderleichte Importieren von Favoriten/Verläufen/Paßwörtern und ich staune darüber, wie toll und eigenständig Google Applikationen wie gmail oder der Google Reader daherkommen in ihren eigenen Fenstern, die mehr an Air als an schnöde Browserfenster erinnern. Zudem bin ich tief beeindruckt, wie spektakulär Google die Chrome-Bombe platzen ließ – quasi aus heiterem Himmel.
Also alles schön im Google-Nutzer-Land? Hmm – Jein, würd ich sagen. Als Firefox3-Liebhaber bin ich selbst über mich verwundert, wie schnell ich mich an Chrome gewöhne, aber es gibt auch nicht wenige Stimmen, die zur Vorsicht mahnen und die Metapher von der Datenkrake zurück in unsere Köpfe rufen. Sehr passend und witzig dazu ein Zitat von Filzo:
Google Chrome ist wie Barack Obama – So gut, wie alle sagen, kann er unmöglich sein!
Schon bei der Installation wird eine Nummer an Google geschickt, über welche man eindeutig identifizierbar ist. Aus jedem Klick, jedem Seitenaufruf und jeder Google-Suche wird ein Daten-Portfolio erarbeitet, welches Google ein ziemlich exaktes Bild unserer Surfgewohnheiten aufzeichnet.
Allerdings muß man zwei Dinge berücksichtigen: Google kommuniziert sehr offen, welche Daten übermittelt werden und zu welchem Zweck. Bei Microsoft sähe so etwas in der Praxis vermutlich ganz anders aus. Darüber hinaus handelt es sich hier um ein Open Source-Projekt. Technische Errungenschaften, die einmal erfolgreich um die Welt gegangen sind, verschwinden nicht mehr so einfach von der Bildfläche, sondern können von der Konkurrenz problemlos adaptiert werden – im günstigsten Falle ohne diesen reißenden Datenstrom Richtung Google.
Unterm Strich bleibe ich gewohnt optimistisch (ja, nennt es von mir aus naiv *g*) und bin überzeugt davon, dass wir für die weitere Entwicklung des Internets gerade entscheidendes Weichenstellen mitverfolgen dürfen. Somit lautet mein Fazit für die pathetische Alternative zur von mir gewählten Überschrift wohl eher sowas wie "Auf dem Weg zum Fuße des Regenbogens" ;)

(Die Vorlage für meine Fotobearbeitung stammt von omarrun)




