Die Überschrift hat für mich eine doppelte Bedeutung: Einmal ist natürlich die tatsächliche Entfernung gemeint zwischen dem Ort, an dem man sich über MySpace Music bereits freuen kann und dem Rest der Welt, der noch mehr oder weniger gespannt abwartet. Andererseits meine ich damit aber auch eine andere Distanz: Nämlich die zeitliche zwischen dem Launch gestern und diesem Augenblick, in dem ich diesen Satz hier schreibe.
Vermutlich ist es ein klein wenig früh, ein Produkt zu resümieren, welches exakt einen Tag auf dem Markt ist (und noch nicht mal auf meinem Markt), aber in den Online-Medien ist unendlich viel geschrieben worden über MySpace Music und das ja nicht erst seit gestern. Gerade auf vielen Tech-Seiten wie golem.de oder heise.de wurde von vielen Personen kritisch hinterfragt, ob dieses neue Musikportal überhaupt nötig war.
Dummerweise hält sich gerade unter den Kommentierern dort hartnäckig das Gerücht, dass es sowas wie MySpace Music schon längst, vielfach und vor allem schon besser gibt. Würde ich persönlich aber eher als hanebüchenen Schwachsinn bezeichnen! Gerade in jüngster Zeit gab und gibt es natürlich wirklich die verschiedensten Angebote im Bereich Musik. Social networks, Download-Portale, Mixtape-Angebote usw. Darunter auch wirklich durchdachte und erfolgreiche Geschichten wie iTunes, roccatune, last.fm und viele mehr.
Die Crux für die Musikindustrie ist nicht etwa, dass die Leute keine Musik mehr hören oder wahrnehmen, sondern dass sie alles verschlafen haben, was man an Internet-Trends verschlafen konnte. Das fing damit an, dass man sich gar nicht bewußt war, dass man mit dem Internet ein gewaltiges Marketinginstrument in eigenen Händen hält, kleinere Labels hingegen haben sich diesen neuen Vertriebs- und Marketingweg wesentlich schneller erschlossen. Als man dann – nachdem man auch den Trend zum MP3 nur ohnmächtig beobachtete – zusehen musste, wie mehr und mehr illegale Dateien das Netz überschwemmten, holte man zum ganz großen Gegenschlag und raus kam was? Genau, ein Kopierschutz. Ein Kopierschutz, der nicht einen einzigen Downloader vor auch nur klitzekleine Probleme stellte, der hingegen aber dafür sorgte, dass meine regulär erworbene CD weder von meinem PC-Laufwerk noch von meinem DVD-Player erkannt wurde. 17 Euro für 11 Songs, die ich mit keinem hier vorhandenem Gerät abspielen konnte. Ähnlich wie beim aktuellen Abmahn-Wahnsinn erreicht man also nicht die wirklichen Missetäter, die sich im großen Stile an Raubkopien bereichern, sondern nur den kleinen, gemeinen Musik-Liebhaber.
Es folgten weitere Späße wie das digitale Rechtemanagement, welches mittlerweile als kollossal gescheitert betrachtet werden darf. Mir als Musikfan war es auch nie klar, wieso ich für eine erworbene CD – dessen haptisches Vergnügen immer noch meilenweit entfernt vom guten, alten Vinyl liegt – oftmals die gleiche Summe zahle wie für einen Download der gleichen Songs, die jedoch auf den klassischen Tonträger, Coverlayout, Booklet etc verzichten und wo mir zudem noch vorgeschrieben wird, auf welchem Medium die Songs zu hören sind und ob bzw wie oft sie zu kopieren sind. Wenn ich Geld bezahle dafür, dass man mich einen Song runterladen läßt, dann will ich nun mal auch das Recht haben, 20 Spindeln voller Backups davon zu erstellen, wenn ich Bock habe. Es muss mir doch zumindest möglich sein, auf meinem stationären CD-Player bzw im Auto oder auf einem mp3-Player meiner Wahl eine Kopie meines rechtmäßig erworbenen Trackes abspielen zu lassen. Naja, diesen Gedanken hatte ich glücklicherweise nicht exklusiv, womit dann auch alle vier Dickschiffe der Musikindustrie dann irgendwann ein Einsehen hatten.
Generell erfolgte in den letzten Jahren ein Umdenken in der Industrie. Man hat öfters den kleineren Labels auf die Finger geschaut, scheint mir – denn denen war oftmals schon lange klar, dass man – um in diesem Haifischbecken überleben zu können – mit und nicht gegen das Internet arbeiten muß. Während wir heute also immerhin da angekommen sind, dass man auf der Seite X ein musikalisches Profil erstellen lassen und seinem erstellten Stream lauschen kann, bei Social Network Y "Freund" dieser geliebten oder neuentdeckten Bands wird und bei Portal Z dann schlussendlich das Album dieser Band kauft, kommt nun zum ersten Mal das Angebot XYZ auf den Markt.
Gestern via Kommentar kam ein berechtigter Einwand von Sachar, der richtigerweise erwähnte, daß die Kombination aus einer beliebigen Zahl von selbst erstellbaren playlists und dem Musik-Angebot von 1,5 Millionen Tracks roccatune zu einem nahezu ebenbürtigen Konkurrenten von MySpace Music macht, der zudem ja noch den Vorteil besitzt, schon längst im Markt etabliert zu sein, noch bevor man überhaupt erahnen kann, wann MySpace Music europäisches Festland betritt.
Selbst den Social Network-Anteil möchte man nach und nach weiter ausbauen. Optionen wie das Anlegen eines eigenen Profiles, individuelle Charts, Buddylisten und ein ausgeklügeltes Musikempfehlungs-System sind bereits heute oder in Kürze verfügbar und zeigen schon lange vor MySpace Music, in welche Richtung man sich bewegen muss in dieser Zeit, um den Musikhörer abzuholen und nicht zuletzt können ja auch die Jungs von roccatune mit Stolz verkünden, 3 der 4 großen Gesellschaften (Warner, EMI und Sony) neben vielen kleinen Labels an Bord zu haben.
Bei allen richtigen und wichtigen Entscheidungen, die man bei roccatune ganz offensichtlich sehr durchdacht getroffen hat, muss man aber auch anerkennen, dass man (bislang) ein zartes, virtuelles Pflänzchen ist im Vergleich zum Global Player MySpace. Eines der mächtigsten und größten Social Networks des Planeten wird sich aber nicht vornehm und schüchtern in den Markt schleichen – es wird schon allein aufgrund dieser gewaltigen Userschaft mit ganz großen Schritten (und MySpace hat die dicken Stiefel an, das schwör ich Euch ;) ) mitten in diesen Markt trampeln. Die – zu Recht oft beanstandete – Usability auf MySpace-Seiten wird da vermutlich gar nicht so sehr zum Tragen kommen, weil sich eine Zahl von MySpace-Nutzern im dreistelligen Millionenbereich bislang auch nicht wirklich daran gestört hat.
Wenn man dann noch berücksichtigt, dass MySpace noch gar nicht fertig ist mit dem Schnüren seines Musikpaketes – das Implementieren von Konzertticket- und Merchandiseverkauf stehen noch aus – kann mir kein noch so wichtiger heise.de-Troll ernsthaft klarmachen wollen, dass wir es hier nur mit lediglich einem weiteren Anbieter zu tun haben. Ich schrieb ja auch gestern schon, dass iTunes jetzt nicht aus heiterem Himmel Angst um seine Vormachtstellung haben muß, aber sie werden es merken, dessen bin ich mir sicher und Ihr könnt mich gern in einem Jahr darauf festnageln, was ich hier heute schreibe. Naja – vorausgesetzt, MySpace findet einen Weg, wirklich – und das möglichst schnell – weltweit agieren zu können mit seiner Musikpalette.
Was diese Sache angeht, muss ich nämlich nochmal auf einen Kommentar von Sachar verweisen, der mich gestern auf ein Spiegel-Interview aufmerksam machte, in welchem MySpace Manager Travis Katz erklärte, dass man die weltweiten Lizenzen in der Tasche hat. Das steht natürlich im krassen Gegensatz zu dem, was bislang verkündet wurde und von dem ich auch ausgegangen bin. Wäre schön, wenns wirklich so wäre, denn an Geld oder manpower sollte man bei MySpace eigentlich nicht scheitern.
Tja, und wieder mal grüße ich Euch von jenseits der 1000-Worte-Grenze. Ich überleg manchmal auch, ob ich nicht echt kürzere Beiträge verfassen sollte, aber a) halte ich Euch für intelligent genug, um mir auch in dieser Länge Aufmerksamkeit schenken zu können und b) liegt mir dieses Thema Musik echt am Herzen und ich glaube, dass wir gerade in einer sehr spannenden Phase dabei sein dürfen: Die Industrie richtet sich langsam nach unseren Bedürfnissen aus und verabschiedet sich von dem Gedanken, bis zum jüngsten Tag mit den klassischen Konzepten und Tonträgern und uns Käufer nur als gesichtsloses Konsumvieh zu behandeln.
Update: Hab im Text noch zwei Fehler ausgebügelt. roccatune bietet keine Downloads und arbeitet "nur" mit drei der vier großen Majors zusammen. Schön, dass Sachar hier so aufmerksam mitliest ;)




