25 Okt, 2008
Die Deutschen:Doku im State-of-the-art-Mantel
Posted by: Casi In: World wide web| zweipunktnull
Wenn ich auf den Titel meines Blogs schaue und dann auf diese Überschrift, fällt es mir zugegebenermaßen schwer, dort einen Zusammenhang zu sehen. Wer jetzt eine Auflösung oder wenigstens eine mittellustige Pointe erwartet, den muss ich enttäuschen.
Im Großen und Ganzen geht es tatsächlich um ein uraltes Format, welches ein noch viel älteres Thema behandelt und im stationären Steinzeit-TV ausgestrahlt wird. Das Format nennt sich "Die Deutschen", wird ab morgen im ZDF ausgestrahlt und behandelt - welch Überraschung - die deutsche Geschichte. Nahezu versehentlich bin ich heute irgendwann beim Zappen in eine Background-Story zu dieser Serie geraten und war - vermutlich genauso versehentlich - direkt begeistert.
Vielleicht muß ich vorausschicken, dass ich generell sehr gerne Dokumentationen schaue. Egal, ob Pyramiden freigelegt, seltene Tiere beobachtet, Kriege aufgearbeitet oder ins All geschaut wird: Ich bin dabei. Ich verfolge auch wirklich gern, wie unsere Geschichte in Dokus behandelt wird - mit einer Einschränkung: Deutsche Geschichte hat scheinbar nur zwischen 1933 und 1945 stattgefunden - und nochmal kurz in 1989. Diesen Eindruck gewinne ich zumindest, wenn ich durch die einschlägigen Doku-Kanäle zappe.
Daher bin ich recht froh, dass diese neue ZDF-Reihe nun 1000 Jahre beleuchten wird. Wie es scheint, hat man dafür auch einen enormen Aufwand betrieben. In dem Bericht heute nachmittag wurde in einer Art Making-of hinter die Kulissen geblickt, Spezialeffekte erklärt usw. Zudem - und da streift dann diese Story hier doch noch mein eigentliches Themenfeld - wird diese Serie sehr gründlich online aufbereitet. Dazu ein Zitat aus dem Vorwort zu "Die Deutschen":
So haben insgesamt mehr als 25 Historiker an der Reihe mitgewirkt. Sie kommen in den Sendungen zu Wort, legen ihre eigenen Schlussfolgerungen und jüngsten Erkenntnisse dar. Begleitend zum Programm erhalten die Historiker im begleitenden Online-Angebot eine eigene Plattform. In Hunderten prägnanten Interview-Aussagen geben sie Antworten auf Schlüsselfragen deutscher Geschichte. Zum ersten Mal wird ein riesiger Fundus historischen Wissens in dieser Form präsentiert, abrufbar für alle Internet-Nutzer.
Die Folgen, die jeweils sonntags um 19.30 Uhr und dienstags um 20.15 Uhr gesendet werden, finden sich auch ab dem Termin der Ausstrahlung in der ZDF-Mediathek. Dort findet man zu jeder der zehn Folgen einen Trailer, eine Kurzzusammenfassung und ab dem normalen Sendetermin eben auch die komplette Sendung. Dazu Interviews und Kartenmaterial, alles sehr ansehnlich aufbereitet.
Ich weiß ja nicht, welche Definition von Qualität der Kamerad Reich-Ranicki im Kopf hatte, als er jüngst die versammelte C- und B-Prominenz der deutschen TV-Landschaft mit einer beispiellosen Flut an Beschimpfungen zurechtgewiesen hat, aber hier hat sein Haus- und Hofsender definitiv Qualität abgeliefert.
Meiner Meinung nach kommt das ZDF auch seinem Bildungsauftrag nach mit dieser Produktion. So ist nämlich - neben dem eigentlichen Online-Angebot zur Serie auch eigens eine Mitmach-Aktion mit dem Namen "Geschichte vor Deiner Haustür" ins Leben gerufen worden. Hier sind Schüler bzw Schulklassen aufgerufen, "vor der eigenen Haustür" nach Spuren der deutschen Geschichte zu suchen. In Zusammenarbeit mit dem eigenen Lehrer können die Schüler dann das zusammengetragene Material - egal, ob Text, Audio oder Video-Format - hochladen und im Internet präsentieren. Diese Aktion läuft ein Jahr lang und wird dann von einer geschichtskundigen Jury bewertet. Als Preise winken TV-Stories über das eigene Projekt, aber natürlich auch Sachpreise wie DVDs und Bücher.
Wenn ich mir jetzt diesen Artikel noch einmal durchlese, liest es sich fast schon so, als hätte es ein ZDF-Sympathisant verfasst - ich kenn mich selbst nicht mehr wieder
Ich hoffe, dass meine Freude über ein tolles TV-Format auch morgen Abend um 20.15 Uhr noch anhält, nachdem ich die erste Folge geschaut habe. Bis dahin jedenfalls möchte ich als doku- und internetaffiner Mensch zu einer Produktion gratulieren, die qualitativ und technisch die Messlatte für ZDF-Produktionen höher zu legen scheint und beispielhaft zeigt, dass das klassische Fernsehen und das Internet keine Feinde sind, sondern durchaus in der Lage sind, Synergien zu entwickeln.
Hoffentlich entwickeln die TV-Sender auch zukünftig Formate dieser Art. Wäre jedenfalls schlimm, wenn sich der neue Rundfunkstaatsvertrag diesbezüglich als Bremse oder gar Stolperstein erweisen sollte.



