01 Jan, 2009
Stirbt der Journalismus? Die Nachricht? Oder doch nur die Tageszeitung?
Posted by: Casi In: Media| World wide web
Heute ist Neujahr und seit einigen Tagen wird resümiert, analysiert und spekuliert, was im vergangenen Jahr passiert ist und was im neuen Jahr auf uns warten könnte. Eines dieser Themenfelder, die mir persönlich immer mehr aufgefallen sind im abgelaufenen Jahr, ist das Herbeireden der sterbenden Journalistenbranche, so wie wir sie kennen. Immer wieder wird über Einsparungen spekuliert und immer mehr etablierte Verlagshäuser oder Print-Formate müssen Konsequenzen ziehen, im schlimmstmöglichen Fall sogar vom Markt verschwinden. Gestern habe ich via Twitter von Claudia Sommer einen Linktipp erhalten mit einem sehr schönen Artikel zum Thema, den ich Euch hiermit ebenfalls ans Herz legen möchte. Die sueddeutsche.de läßt den Medienexperten Mitchell Stephens zu Wort kommen und ihn sein Bild von der Journalismus-Zukunft zeichnen. Dieses Bild ist überraschenderweise mal nicht nur schwarz, sondern durchaus bunt geraten und spiegelt ziemlich genau wider, wie ich selbst über die Situation von Presse und deren Angestellten denke.
Es gilt in meinen Augen nämlich nicht, eine in einen Abwärtstaumel geratene Branche 1:1 retten zu wollen für/in die Zukunft, sondern eher darum, den Weg zu finden, wie man die News zukünftig aufbereiten muss, so dass sowohl der Leser Interesse daran hat, sich über ein Printmedium zu informieren, als auch den Anspruch zu wahren, den vielleicht ein ambitionierter Blogger nicht bieten kann.
Gerne wird nämlich seitens der Presse ein düsteres Bild gemalt, welches am Hungertuch nagende, pulitzerpreisgeschmückte Ex-Journalisten zeigt, die sich dem Druck von Millionen bloggenden Möchtegern-Journalisten, die hauptsächlich durch gefährliches Halbwissen glänzen, nicht mehr gewachsen sehen. Aber darum geht es natürlich gar nicht. Ich bin ein vehementer Verfechter des Mediums Internet mit all seinen Möglichkeiten, und dazu gehören logischerweise auch Blogs und Tweets, aber genauso gehört seriöser Journalismus mit all seinen Facetten dazu. Es gibt kein "entweder oder", sondern nur ein "sowohl als auch", was die zukünftigen Informationsquellen angeht.
Stephens hält in dem Interview nüchtern fest, dass die gemeine Tageszeitung, wie sie seit unzähligen Jahren etabliert ist, sterben wird, erklärt aber gleichzeitig auch, dass diese Zeitung eben kein Synonym für einen möglicherweise dahinsiechenden Journalismus ist, sondern lediglich eine Facette davon. Denn auch in Zukunft möchte ich – möchten wir alle – natürlich auf sauber recherchierte Nachrichten nicht verzichten. Es wird über kurz oder lang jedoch nicht mehr anhand des Mediums "Tageszeitung" stattfinden. Bereits heute bin ich mir über die von mir abonnierte Zeitung nicht mehr so ganz sicher. Mangels eines wirklich günstigen Handy-Internet-Tarifes schätze ich die Papier-Ausgabe meiner Zeitung morgens in der Bahn noch durchaus, wenngleich mir vieles der Informationen schon am Vorabend im Netz über den Weg gelaufen ist.
Spätestens, wenn mobiles Internet flächendeckend schnell und günstig ist, wird man der lokalen Zeitung beim Sterben zusehen können. Denn es macht einfach keinen Sinn, sich für einen knappen Euro Information in Papierform zu kaufen, die man bereits seit gestern Abend kostenlos im Netz lesen kann. Es werden neue Medien kommen, die den Wunsch nach morgendlicher Information befriedigen. Vielleicht wird man in fünf Jahren seine Tageszeitung für sein Kindle abonnieren und täglich auf seinen E-Reader gespielt bekommen, vielleicht wird einfach aber auch nur jeder in der Lage sein, per mobilem Telefon oder Netbook das Internet so verfolgen zu können, wie es die Masse der Internetnutzer heute vom stationären Rechner gewohnt ist.
Die Information und deren Aufbereitung wird also schon mal nicht sterben, die Nachfrage nach Information auch nicht – stellt sich die Frage nach Tausenden von Journalisten, Fotografen, Redakteure und allen weiteren Verlagsangestellten, die dafür sorgen, dass die Zeitung ein vernünftiges Layout hat, der Artikel vernünftig gesetzt und fehlerfrei ist, die Zeitung frühmorgens im Briefkasten liegt und dass die Anzeigenvermarktung wie gewohnt über die Bühne geht.
Ich gebe es zu, der Vergleich hinkt, aber vergleichen wir einen solchen Informationskoloss doch mal mit meinem Blog:
- Wordpress liefert mir kostenlos die Technik
- Verantwortlich für das Layout: Der Template-Hersteller und – was die Modifikationen angeht – ich selbst
- Die Rechtschreibung überprüfen sowohl Google als auch ich selbst – Wenn auch manchmal mit weniger Erfolg als die Tagespresse ;)
- Um die Anzeigenvermarktung kümmere ich mich ebenfalls selbst und Partner wie Trigami oder Linklift sind für Blogger wie mich auch kostenlos
- Verantwortlich für den Content: Ich
- Verantwortlich für die Zulieferung an meine Leser/Abonnenten: Feedburner und ich(durch Verwendung von Twitter und Co.)
- Die verwendeten Bilder erstelle ich selbst oder ich bediene mich bei denen, die ich dank Creative Commons-Lizenz verwenden und oftmals auch bearbeiten darf
Ich bin also Designer, Redakteur, Reporter, Setzer, Fotograf und Auslieferer in Personalunion und bewerkstellige das in dem ich mich zweier Ressourcen bediene: Der mir zur Verfügung stehenden Zeit nach meinem eigentlichen Feierabend und meiner Internetflatrate, die mich täglich ca. einen Euro kostet.
Was ich damit sagen will: Ein Informationsdinosaurier wie beispielsweise die WAZ kann natürlich nur Bruchteile der Werbeerlöse online generieren, die derzeit noch mit der Printausgabe möglich sind, aber es werden zukünftig auch nur noch Bruchteile des Personals nötig sein, um die Information zum Leser zu transportieren. Das mag dumm und existentiell bedrohlich für den Einzelnen sein, aber man wird es so hinnehmen müssen, weil man die Entwicklung nun mal nicht stoppen kann. Daher kann ich verstehen, dass die Betroffenen selbst gerne auf Bloggern und Microbloggern rumhacken, aber wir sind sicher nicht verantwortlich für die Schwierigkeiten der Verlagshäuser und wir sind auch nicht die Lösung. Der Fortschritt erfordert nun mal, dass man sich ganz neu mit der Verbreitung von News auseinandersetzt, egal seit wievielen Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten die Tageszeitung etabliert ist. Wir fahren heute auch Autos und benutzen Flugzeuge, obwohl die Menschheit über Tausende von Jahren gute Erfahrungen mit dem Transportmittel "Pferd" gemacht hat.




