Nicht nur in den einschlägigen Techblogs findet Twitter Beachtung. Microblogging ist nur noch eine Handbreit vom Massenpublikum entfernt und auch in den Social Networks wie MySpace und Facebook werden die dort implementierten Status-Meldungen immer beliebter. Schöne neue Microblog-Welt? Twitter erobert die Welt? Weit gefehlt…
Ärger droht der Microblog-Nr.1 von vielen verschiedenen Fronten: Mal ist es die eigene Instabilität, die den Service für den failwhale-geplagten Microblogger unerreichbar macht, mal sind es neue Konkurrenten, die auf der Bildfläche erscheinen.
Im Moment sind es in meinen Augen zwei Dinge, die Twitter richtig zu schaffen machen können:
- Der Wahn an mehr oder weniger zweifelhaften Twitter-Apps
- Das Damoklesschwert namens "Facebook" welches über Biz Stone und seiner Mannschaft baumelt
Man hat es in diesen Tagen wieder gemerkt: Nichts im Netz kann einen solchen Noise erzeugen wie Twitter. Kein Blog, kein FriendFeed und erst recht kein anderer Microblogging-Dienst wie Plurk oder identi.ca. Bitte nicht wieder auf die Palmen gehen, liebe identi.ca-Anhänger (zu denen ich schließlich auch gehöre), aber es geht hier nicht um den technischen oder sonstwie gearteten Vorsprung, den man vor Twitter hat. Es geht mir gerade lediglich um die Menschen, die man via Twitter in allerkürzester Zeit erreicht. Da kann identi.ca (noch) nicht mithalten und auch noch kein anderer der laconica-basierten Dienste. Aber – und genau dort kommt Facebook ins Spiel – aus welchem Grund sollte man Twitter nutzen, wenn man woanders genauso viele oder mehr Menschen erreicht und die technischen Bedingungen/Usability zudem die von Twitter bei weitem in den Schatten stellen?
Der Artikel How Facebook could kill Twitter overnight beschäftigt sich exakt mit diesen Gedankenspielen:
Right now a call to Facebook’sUsers.getInfo API call will return the user’s name, regional networks, profile picture, and profile URL. The one thing that it doesn’t return is a user’s status update. Overnight if Facebook added status to this method, Twitter would be destroyed.
Ganz so einfach ist es natürlich nicht, denn zum einen – und auch das wird in dem Artikel erwähnt – gibt es ein Limit bei Facebook: Mehr als 5000 Freunde ist nicht drin, und solche Zahlen werden bei Twitter nun doch hin und wieder überschritten. Zum anderen befinden sich gerade unter den Power-Twitterern die Meinungsmacher, denen die große Masse folgt, egal ob die Plattform Twitter, Facebook oder wie auch immer heißt. Der Twitter-Technik müssten also auch die Arringtons, Scobles und Lobos dieser Welt folgen und ihren Facebook-Accounts so viel Leben einhauchen, dass man den hinterherlesenden Bloggern gar keine Wahl lässt, als auch täglich bei Facebook aktiv zu sein.
Facebook könnte also durchaus der Profiteur sein, wenn um die Twitter-Nachfolge gerungen wird, aber ich bezweifle, dass Facebook das von alleine auf die Reihe bekommen wird. Man darf nicht vergessen, dass den Jungs die Kohle auch nicht mehr so locker sitzt wie noch vor wenigen Monaten.
Aber da ist ja noch das andere Problem, welches Twitter derzeit wie Krebs befällt: "Lustige" und "wichtige" Applikationen, von denen jeden Tag immer neue herangespült werden. Das richtet sich nun sicher nicht gegen Apps, die einen wirklichen Mehrwert darstellen, aber mich interessiert es gelinde gesagt einen feuchten Dreck, ob die Twitter-Temperatur tendentiell eher arschkalt ist oder ob mein Avatar beknackter aussieht als der von irgendwem anders. Ich kann das jetzt natürlich nur aus meiner Sicht schildern, denn nicht jeder nutzt Twitter auf die gleiche Art und Weise, aber für mich persönlich wird es dadurch schwieriger, den Content zu erhaschen, wegen welchem ich eigentlich bei Twitter mitmische. Für die Twitter-User hat das Applikationenproblem gleich zweifach nachteilige Wirkung:
- Die User sind genervt
- Die User sind verunsichert
Wirklich dramatisch ist die Situation vielleicht noch nicht, was den Nerv-Faktor angeht, da ist der Faktor "Verunsicherung" schon entscheidender. Seit einigen Tagen nämlich macht sich das Twitter-Universum nämlich plötzlich Gedanken um die Sicherheit. Mein eigener Vorschlag dazu lautete: Ändert Euer Twitter-Passwort, wenn Ihr glaubt, dass eine Anwendung nicht ganz sauber mit Euren Daten umgeht – und das macht natürlich auch nach wie vor Sinn. Aber was ist, wenn man eifriger Twitterer ist und sich unendlich vielen weiteren Diensten angeschlossen hat?
Ändert Ihr dann auch direkt den Twitter-Account bei FriendFeed? Und bei Twitpic? Ihr wisst selbst am besten, wo Ihr noch überall das Passwort ändern müsstet. Nico Lumma ist da nicht der Einzige, der Twitter diesbezüglich an den Pranger stellt und zu schnellerem Handeln auffordert.
Apropos Passwort: Nachdem Twitter jüngst mit Phishing-Attacken zu kämpfen hatte, wurden heute nun gleich mehrere Accounts prominenter Twitter-Nutzer gehackt. Angeblich hat Twitter die Probleme beseitigt, aber – und da ist wieder das Stichwort "Verunsicherung" – wer glaubt es wirklich??
Ich ziehe am Ende eines Artikels gerne ein Fazit. Irgendwas, was ich mir selbst während der Recherche erarbeitet habe, oder manchmal auch nur ein wenig Provokation, um Euch irgendwelche Reaktionen zu entlocken. Heute werde ich das mal nicht machen. Nehmt die Frage aus meiner Überschrift, überlegt Euch selbst, was passieren könnte, wenn Facebook die Muskeln spielen läßt, oder wenn Twitter weiterhin eine so merkwürdige Sicherheitspolitik fährt. Berücksichtigt in Euren Überlegungen, dass Evan Prodromou – identi.ca-Founder – auch noch so manchen Pfeil im Köcher hat und vielleicht kommt Ihr ja zu einem ähnlichen Ergebnis wie ich. Egal wie die Szenarien ausfallen werden – eine in Stein gemeißelte Nr. 1 auf Lebenszeit gibt es mit Sicherheit nicht im Bereich Microblogging.




