Thorsten Schäfer-Gümbel befindet sich mitten Wahlkampf und hat dort gleich einige Handicaps, mit denen er sich herumschlagen muss:
- Die Hypothek einer Frau Ypsilanti, die mit ihrer Politik nicht viel außer verbrannter Erde hinterlassen hat
- Einen etablierten Gegenkandidaten, welcher durch Obengenannte wieder in die Erfolgsspur gedrückt wurde
- Den Nachteil, als Verlegenheitskandidat gehandelt zu werden
- Viel zu wenig Zeit, um ein markantes Profil zu etablieren
Wenn dieser Politiker nun bei Twitter aktiv wird und im Hinterkopf hat, dass gerade in der SPD Hessen vieles, wenn nicht gar alles falsch gemacht wurde in den letzten Monaten, fragt man sich natürlich, welches Motiv dieser Mann dafür hat.
Mag er einfach das Internet und ist zufällig an Twitter geraten, oder hat ihm sein PR-Mensch diesen Obama-Floh ins Ohr gesetzt? Da man mit Nachdenken nicht auf die Antwort kommen kann, macht es vermutlich wesentlich mehr Sinn, ihn selbst danach zu fragen. Diesen oder einen ähnlichen Gedanken muß Robert Basic gehabt haben, als er nun Thorsten Schäfer-Gümbel ein Experiment angeboten hat: Ein Interview via Twitter. Glücklicherweise hat sich Schäfer-Gümbel auf diesen Versuch eingelassen und so kann man nun auch als Außenstehender ein wenig hinter die Kulissen des MP-Kandidaten blicken.
Es gibt eine schöne Applikation namens twialogue, mit der man Dialoge in Twitter verfolgen und dort könnt Ihr dieses Interview nachlesen. In der Twittersphäre war das Interesse an diesem Interview – wie zu erwarten war – sehr groß. Viele haben sich über diesen Versuch gefreut und ebenso haben viele Andere diesen Versuch als gescheitert angesehen bzw sehen nicht viel Sinn in einem mit 140 Zeichen/Statement geführten Interview.
Das kann und sollte man differenziert betrachten. Mit Sicherheit ist Robert mit seiner Interview-Technik, die sich eher im rudimentären Bereich bewegt, nicht akut pulitzerpreis-gefährdet, aber darum geht es vielleicht auch nicht in erster Linie. Klar ist jedenfalls, dass es wichtig war, dass ein Blog- bzw Twitter-Schwergewicht dieses Interview führt. Denn nur so ist ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit im Netz gewährleistet. Klar scheint mir ebenfalls, dass sich Thorsten Schäfer-Gümbel nicht für ein Interview mit einem kleinen C-Blogger mit 20 Followern hergegeben hätte.
So trafen also ein eventuell zukünftiger Ministerpräsident und ein eventuell zukünftiger Ex-Blogbesitzer zusammen, um eine Handvoll Fragen abzuarbeiten. Sowohl Fragen als auch die Antworten waren nun weder eine totale Offenbarung noch das Zünglein an der Waage, wenn es um die Entscheidung zwischen Schäfer-Gümbel und Koch geht. Aber es bleibt dennoch festzuhalten, dass es einem Politiker mit Sicherheit nicht schadet, sich mit Twitter auseinanderzusetzen.
Es wird vermutlich noch Jahre dauern in Deutschland, bis man einem technisch auf der Höhe der Zeit befindlichen Politiker nicht vorab populistisches Obama-Nachahmen vorwirft, aber so lange sich jemand dann so präsentiert, wie es in diesem Fall geschehen ist, kann es durchaus Teil einer funktionierenden Strategie sein.
Denn auch aus diesen wenigen Antworten kann man meines Erachtens einige Dinge ableiten:
- Schäfer-Gümbel hat Sinn und Zweck von Twitter verstanden – was für prominente Twitter-Nutzer sicher alles andere als selbstverständlich ist
- Er nutzt tinyurl, um seine Links einzubinden – mag für Euch nicht sonderlich spannend klingen, zeigt mir aber doch zumindest, dass er weiß, wie man sich im Netz/bei Twitter bewegen kann bzw was technisch machbar ist, während ich bei den Linken zum Beispiel sogar Bedenken habe, ob die Top-Kandidaten eigenständig einen Rechner hochfahren können.
- Er verweist auf den YouTube-Kanal der SPD in Hessen, auf welcher er bereits einige Videos bereitgestellt hat und somit vermutlich der erste hessische SPD-Politiker ist, der diesen bereits seit fast eineinhalb bestehenden Kanal wirklich zu nutzen weiß.
Da ich kein Politikblogger bin, werde ich mich auch nicht weiter mit der Philosophie des Thorsten Schäfer-Gümbel auseinandersetzen. Aber Fakt ist doch, dass er den richtigen Weg geht, um seine Aussagen zu transportieren. Ich persönlich fürchte allerdings, dass die Wahl für ihn ein wenig zu früh kommt. Hätte er einen anderen Vorlauf gehabt und nicht diese bärendienstige Vorgängerin, hätte er wesentlich bessere Chancen gehabt gegen einen Kandidaten, der politisch im letzten Jahr schon mausetot war.
Mein persönliches Fazit dieses Versuches: Toll von Robert, dieses Experiment zu starten, wenngleich es sicher nicht das erste Twitter-Interview war, aber mit Sicherheit das erste mit einem prominenten, deutschen Politiker. Nicht so toll hingegen in meinen Augen die Auswahl bzw Formulierung der Fragen. Da hat man vielleicht Chancen auf ein interessanteres Interview vergeben. Schäfer-Gümbel präsentiert sich im Netz als der Politiker, der das Internet begriffen hat und der zusammen mit Hubertus Heil glänzend den modernen Politiker darstellt, unabhängig betrachtet von seiner Parteizugehörigkeit.




