Der nächste Satz ist sicher alles andere als eine Sensation: Die Masse aller Downloads wird illegal getätigt!
So weit, so gut (bzw. schlecht, wenn man es aus Sicht der Industrie sieht). In einem Bericht des Weltverbandes der Phonoindustrie wird davon gesprochen, dass 95% der getätigten Musikdownloads illegaler Natur seien. Die Einnahmen verringerten sich dem Bericht zufolge um 7%, woran auch eine Download-Zuwachsrate von 25% nichts ändern konnte. Naja, "nichts ändern" ist da natürlich relativ zu sehen, denn ohne diese Zuwachsrate wären auch die CD-Verkäufe weniger zurückgegangen. Es wäre ein schwerer Fehler, die Rückgänge komplett auf illegale Downloads zu schieben.Vielleicht seid Ihr da anderer Meinung, aber ich denke, dass der Mensch sich so langsam auch an das Medium Musik-Download gewöhnt und vielleicht deshalb immer öfter ins Grübeln kommt, wieso er sich eine CD ins Regal stellen soll für 15 €, wenn man die gleichen Tracks auch für 10 € auf den Rechner geliefert bekommt in Sekundenschnelle. Faktoren wie Soundqualität, Layout oder sogar die Struktur des Musik-Albums werden zunehmends unwichtiger. Kids gefällt die Musik, die ihnen aus dem blechernen Lautsprecher des Mobiltelefons entgegendröhnt. Jeder Songtext, jedes Bild ihrer Stars kann statt im Booklet einer CD genausogut, nein sogar besser im Netz begutachtet werden und das Konzept "Album" ist ihnen auch immer weniger wichtig, da man sich eh Playlists mit seinen Favoriten zusammenstellt. Während wir – und da spreche ich jetzt mal diejenigen meiner Leser an, die Musik schon weit vor dem Internet konsumiert haben – uns mit neuen Medien erst auseinandersetzen müssen, sie begreifen müssen und mit alten Gewohnheiten brechen müssen, wird der Generation iPod das alles quasi in die Wiege gelegt.
Sie werden groß mit der Möglichkeit, Songs (egal, ob legal oder illegal) runterzuladen, während wir erst den Plattendealer unserer Wahl aufsuchen mussten, um uns durch die Neuerscheinungen zu wühlen und zu hören, um dann mit der LP unserer Wahl wieder nach Hause zu dackeln. Ich treffe immer noch viele Menschen, mit denen ich teilweise ab Mitte der Achtziger auf Depeche Mode- oder andere -Konzerte gegangen bin und wenn ich die heute in Gespräche über Musik verwickle, dann erkennt man, dass Einige noch immer in diesen alten Mustern denken und handeln. Sie kaufen die Musik, die sie kennen oder die sie von Freunden empfohlen bekommen. Sie würden gar nicht auf die Idee kommen, sich gezielt bei MySpace durch die szenerelevanten Bands zu klicken oder – noch einfacher – last.fm oder roccatune für ihre Entdeckungsreise zu nutzen.
Genau da – und hier versuche ich jetzt den Bogen zu spannen zurück zur Musikindustrie – sehe ich die eigentliche Schwierigkeit. Die Menschen, von denen ich hier gerade rede, befinden sich in meinem Alter plus minus 10. Ich unterstelle den Entscheidungsträger in der Industrie, dass sie teilweise noch nicht verstanden haben, was da draußen gerade passiert. Statt neue Chancen zu nutzen, versucht man immer noch, einen längst vergangenen Zustand – einen Status quo ante – zu erreichen. Einige Köpfe lassen sich immer noch dafür feiern, dass ein überteuertes Produkt – die CD – mit kalkuliert schlechter Qualität (z.B. 3 Auskopplungen, der Rest ist Füllmaterial) dicke Gewinne einfahren. Während nun der große Teil des (gerade jüngeren) Massenpublikums zunehmend auf die Downloads setzt, schimpft das zahlungskräftige, ältere Klientel auf den Verfall der Musikkultur und ist logischerweise nicht bereit, gutes Geld für schlechte oder schlecht gemachte Songs zu löhnen.
Versteht mich nicht falsch: Natürlich gibt es nach wie vor sensationell gute Musik, wenngleich man sie mit der Lupe suchen muss. Aber in den meisten Fällen ist es nicht das, womit das dicke Geld verdient wird und darauf liegt nun mal der Fokus.
Vielleicht liege ich komplett daneben mit meiner Prognose, aber ich denke nicht, dass wir eine solche Debatte noch in 10 Jahren führen würden. Bis dahin wird es den Massenmarkt für physische Tonträger nicht mehr geben, glaube ich. Ist da Jemand mit mir, oder habe ich diese Ansicht exklusiv? Wäre schön, wenn mir der ein oder andere mitteilt, wo er den Musik-Markt in naher Zukunft sieht bzw was das Geld in die Kassen der Industrie spülen wird – denn irgendwie muss schließlich Geld fließen, damit Musik produziert werden kann.
Am Wochenende werde ich dann ein Bild aufzeigen, wie ich persönlich es mir vorstellen könnte. Werde einige Wege nennen, die bereits heute beschritten werden und die durchaus nachahmenswert scheinen, um Künstler und Fan (und vielleicht sogar die Industrie) glücklich zu machen. Erwartet den Artikel aber eher am Sonntag, denn mein Samstag steht zwar auch im Zeichen der Musik, aber entschieden weniger zweinullig ;)




