19 Jan, 2009
Musik in der Zukunft – Zukunftsmusik
Posted by: Casi In: Media| Musik| e-commerce| zweipunktnull
Heute schaue ich einmal nicht auf die Dinge, die derzeit die Internet- oder die Musikwelt beschäftigen, sondern versuche den Blick in die Kristallkugel. Dabei meine ich nicht eine ferne Zukunft, die Jahrzehnte oder länger vor uns liegt, sondern die nahe Zukunft. Die Zukunft, die man heute schon erahnen und teilweise sogar schon greifen kann.
Es ist ein Samstag Abend im Jahre – hmm, sagen wir 2015. Ich bin noch ein wenig älter und noch ein wenig runder geworden und so ist es nicht unüblich für mich in diesen Tagen, dass ich es mir vor dem Fernseher bequem mache. Ja, Fernsehen gibt es auch in 6 Jahren noch – was dachtet Ihr denn? Von der Couch aus verfolge ich "Wetten dass…", allerdings nur nebenher, weil die Wetten auch in Zukunft nicht mehr spannender werden und ich eh nur auf einen bestimmten Auftritt warte.
Altmodisch wie ich bin, schaue ich mir die Show live an. Meine Freunde belächeln mich dafür, aber ich versuche mir einen Rest Tradition zu bewahren. Jetzt ist es endlich so weit und Oliver Pocher sagt seinen nächsten Gast an. Ich stelle den Ton lauter und schalte auf die Studio-Totale. Während Pocher nämlich noch Witze darüber macht, wie alt Depeche Mode mittlerweile sein müßten, kann ich so schon verfolgen, wie die Jungs die Bühne entern. Als das Lied beginnt, entscheide ich mich für die "normale" Kameraeinstellung und verfolge den Auftritt interessiert. Der Song ist toll und natürlich hab ich ihn im Netz längst als einen meiner aktuellen Favoriten markiert und kann ihn somit immer und überall hören – gratis natürlich, versteht sich.
Im Rausch der Musik logge ich mich bei MySpace ein und buche direkt zwei Auftritte der Band. Einmal nehm ich ein normales Konzert-Ticket. Die 200 Euro muß man schon mal springen lassen, wenn man seine Helden live bewundern möchte und immerhin wird mir der Livemitschnitt gleich wenige Tage nach dem Auftritt auf meinen Musik-Account übertragen. Das andere Ticket ist für ein Online-Konzert. Denn auch dieses Jahr haben Depeche Mode eine Location in Los Angeles gebucht, in welcher sie an zehn Abenden hintereinander 60minütige Auftritte vor einem sehr kleinen Publikum hinlegen. Solange ich nicht in der Lage bin, vierstellige Summen für Konzertkarten auszugeben, werde ich – statt dort im Publikum zu stehen – ein Abo für alle zehn Live-Streams buchen, was mich im Vergleich dazu lächerliche 20 Euro kostet. Dafür bekomme ich dann immerhin auch jeden Abend eine andere Performance der Band geboten und freue mich über lange nicht mehr gespielte Songs.
Da ich natürlich nicht zehn Tage hintereinander vor dem Flatscreen sitze, um mir die Konzerte anzusehen, schneide ich sie mit und rufe sie später ab, beispielsweise per Mobiltelefon in der Bahn. Außer mir scheinen dort noch mehr Depeche Mode-Fans zu sitzen, denn im Menü meines Videoplayers auf dem Telefon sehe ich, dass sich auch noch drei andere Mitfahrer diese Show ansehen wollen. Ich erlaube ihnen den Zugriff und so kommen sie auch in den Genuss dieses Auftrittes, solange sie sich in meiner Reichweite befinden. Über den Instant Messenger teile ich den Dreien mit, dass die Band bald in Deutschland auftritt – vielleicht möchten die ja auch direkt ein Ticket für ein "richtiges" Konzert buchen.
Um eine Wortlänge von unter 2000 hinzubekommen, breche ich diese Zukunftsvision jetzt mal ab und versuche abzuwägen, was davon heute schon umgesetzt wird, was in nächster Zukunft auf uns zukommt und was vielleicht eher abwegig scheint.
Erstes Stichwort: Die Gratismusik! roccatune, lastfm, ganz neu aupeo, und viele andere (leider oft hier in Deutschland nicht erreichbare) Angebote bieten uns heute schon eine schier unüberschaubare Auswahl an Musik. Dort lege ich Listen an, tagge meine Lieblingsmusik, entdecke Artverwandtes oder ganz Neues und tausche mich mit Gleichgesinnten aus. Lala.com geht sogar noch einen Schritt weiter: Sie verkaufen sehr günstig Musik, die in der Cloud gespeichert wird, und für einen immer noch akzeptablen Preis verkaufen sie Downloads, die ich dann überall speichern und hören kann. Interessanter bei dem Geschäftsmodell ist jedoch die Tatsache, dass ich auch angeben kann, welche Songs ich bereits besitze und kann somit – ohne einen Upload meinerseits – auf all diese Lieder in der Cloud zugreifen. Somit kann man dann auch jeden illegal runtergeladenen Song in einen legal in der Datenwolke befindlichen Track verwandeln. Das sind Dinge, die bereits heute schon so in der Praxis funktionieren und von dort ist es eigentlich auch gar nicht mehr so ein großer Schritt bis zur kompletten Gratis-Flut aller jemals eingespielten Lieder.
Was nämlich die Musikindustrie bislang nicht so richtig zu erkennen scheint: Es handelt sich um einen Industriezweig, der das Produkt Musik für Jedermann verfügbar machen soll – und nicht etwa um eine Industrie, in der es darum geht, veraltete Berufsbilder zu erhalten und Menschen vor der Arbeitslosigkeit zu bewahren. Man kann sich entscheiden, ob man kreativ mit den Künstlern zusammen arbeiten möchte oder man wird viel zu spät erkennen, dass die Musiker schon längst nicht mehr auf die Industrie in dieser heutigen Form angewiesen ist.
Ein immer gern gewähltes Beispiel in diesem Zusammenhang ist "Nine inch nails"-Mastermind Trent Reznor. Erst kürzlich hat er seinen Fans 400(!!) GB Rohmaterial von 3 Konzertmitschnitten angeboten – gratis selbstverständlich. Er hofft nun darauf, dass es unter seinen Fans Video-Künstler gibt, die aus dem Rohmaterial ansehnliches Material zaubern. Daran, dass man seine Alben sogar kostenlos und unter einer Creative Commons-Lizenz bekommen kann, haben sich seine Fans mittlerweile schon gewöhnt. Sein jüngstes Werk ist sogar für einen Grammy nominiert und könnte somit das erste frei lizensierte Album sein, welches diesen Preis einheimst. Wer sich bei so viel Gratis-Musik fragt, ob die Künstler überhaupt noch für ihre Arbeit entlohnt werden, findet ebenfalls bei Trent Reznor Antworten. Er bringt die verschiedensten Formate raus, die dann eben im günstigsten Falle kostenlos sind oder im exklusivsten Falle 300 Euro kosten. Diese besondere Edition war übrigens in 2 Tagen ausverkauft bei einer Auflage von 2500 Exemplaren.
Die Industrie muss sich also neu orientieren und erst noch herausfinden, womit man selbst in Zukunft Geld erwirtschaften möchte. Eine Möglichkeit werden weiterhin Konzerte sein. Es wird noch viel teurer werden, seinen Top-Star live erleben zu können. Madonnas aktuellen Millionendeal mit einem Konzertveranstalter statt mit einem der vier Musikgiganten sehe ich auch als Indiz für diese Entwicklung. Einen schönen Blogbeitrag, der in die gleiche Kerbe haut, findet Ihr bei Dineniso. Ich teile die dort geschilderten Ansichten und wir sind damit auch nicht allein auf weiter Flur. Der Trend geht dazu, dass man dem Musikhörer mehr bieten muss als einen simplen mp3-Track. Auch mp3.com-Gründer Michael Robertson vertritt diese Meinung. Gewöhnt Euch daran, dass Musik frei verfügbar sein wird in Zukunft. Alles darüber hinaus – Konzerte, Merchandising und physische Tonträger in möglichst exklusiven Boxen, die einen wirklichen Mehrwert für den Fan darstellen, werden das Feld sein, in welchem die großen Umsätze generiert werden. Übrigens kann man bei der neuen U2-Veröffentlichung ebenfalls erkennen, dass man versucht, Mehrwerte zu schaffen durch besondere Editionen, während man die neue Single auf der U2-Homepage kostenlos hören darf.
Weitere Möglichkeiten sind die schon längst massentauglichen Klingeltöne, die genauso nervig für uns wie lukrativ für die Anbieter sind, aber ich sehe auch noch eine andere große Einnahmequelle: Computerspiele! Schon heute werden Riesensummen mit Spielen wie Guitar Hero oder Rockband verdient. Neben dem Spiel an sich kann man auch dort einzelne Musikstücke runterladen, die oft entschieden teurer sind als der eigentliche Song. Auf diesem Feld wird sicher auch noch viel passieren.
Es werden noch viele Fragen zu klären sein, zum Beispiel wie man die Existenz von unbekannteren Acts gewährleistet, die keine großen Stadien füllen und keine exklusiven Boxen für viel Geld verkaufen können. Aber der Trend wird sich meines Erachtens fortsetzen und zunehmend verdichten. In diesem Artikel habe ich versucht, auf aktuelle Strömungen einzugehen und darüber hinaus ein wenig rumzuspinnen, wie es sein könnte. Glaubt jemand von Euch, dass es tatsächlich in die von mir vermutete Richtung gehen kann, oder haltet Ihr das für aus der Luft gegriffen? Was sind Eure Gedanken dazu? Freut Ihr Euch auf eine solche Entwicklung oder macht es Euch eher Angst bzw traut Ihr dem klassischen Tonträger nach?
Ich würde mich über Reaktionen dazu freuen :)




