Der alte, in Ehren ergraute Mann schaute aufs Meer. Von seiner Veranda aus hatte er den besten Blick auf den schier unendlichen Ozean. Hin und wieder nippte er an seinem Weinglas oder zog genüßlich an seiner Pfeife. Manchmal zerschnitten fröhliche Kinderschreie die Stille.
"Opa, erzählst Du uns eine Geschichte?"
Er konnte meist nicht widerstehen, wenn seine beiden Enkel ihn aus gleichzeitig fröhlichen und flehenden Augen anblickten. Heute aber musste er die beiden Jungen auf später vertrösten, denn heute wollte er schreiben. Viele Tage gingen ins Land, an denen er lediglich hier saß und auf den Ozean blickte. Viele Tage, in denen er einen Gedanken verfolgte, bis er immer größer und umfassender wurde. Viele Tage, bis er dann irgendwann seinen Platz auf der Veranda eintauschte gegen sein Schreibzimmer, in dem nicht sehr viel stand außer einem Bücherregal, einem Stuhl, einem Tisch und – auf diesem Tisch – eine Schreibmaschine, die den Eindruck erweckte, als wäre sie nicht viel jünger als der Mensch, der sie bediente.
Na kommt – das war ja wohl mal eine komplett andere Einleitung als sonst, oder nicht? ;)
Grund meiner Möchtegern-Schriftstellerei ist ein Buch von Paulo Coelho, welches ich vor wenigen Tagen gelesen habe. Ein sehr tolles, empfehlenswertes Buch, welches mich veranlaßt hat, mich ein wenig über den Verfasser zu informieren. Was Ihr da oben lest, ist ungefähr das, was ich mir vorgestellt habe, als ich die Eckdaten
- Schriftsteller
- Brasilianer
- 1947 geboren
- Friedensbotschafter
gelesen habe. Wie Ihr Euch sicher vorstellen könnt, lag ich mit meiner "Der alte Mann und das Meer"-Vorstellung meilenweit daneben. Darauf aufmerksam wurde ich gestern durch Journalist und Blogger Thomas Knüwer bzw über seinen Blogbeitrag beim Handelsblatt. Dort findet Ihr auch eine Audiodatei mit einem Coelho-Interview.
Paulo Coelho – und das ist sicher schon nicht sehr gewöhnlich für einen weltberühmten Buchautor – twittert und bloggt. Und nicht nur das: Im Gegensatz zu lächerlich dahin geschmierten, nach Aufmerksamkeit lechzenden Sätzen eines Dieter Bohlen versteht er das Blog-Handwerk! Er schreibt wirklich viel, hin und wieder postet er auch Video-Beiträge, hat Google Friend Connect installiert usw.
Dazu ist er nahezu auf allen großen Social Networks dieses Planeten angemeldet und scheint sie auch wirklich zu nutzen. Meine Freundschaftsanfrage bei MySpace hat er binnen Minuten beantwortet und auch auf Facebook ist er täglich aktiv. Lest dazu auch den Beitrag bei TechCrunch. Nicht nur, dass dieser (mit Verlaub) alte Mann eine bemerkenswerte Affinität zum Internet aufweist – er hat auch ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie er als Künstler mit dem Internet umzugehen hat, um es für sich arbeiten zu lassen. So verfolgt er nicht mit Argusaugen vermeintliche Raubkopierer, sondern tut das exakte Gegenteil davon: Er bietet seine eigenen Bücher kostenlos als PDF-Dateien an. Er schätzt den Marketingeffekt viel größer als einen eventuellen Schaden an und ist somit seiner Zeit durchaus ein gutes Stück voraus.
Keine Ahnung, ob Ihr Coelho lest oder was Ihr generell von ihm haltet – ich jedenfalls bin echt angetan von diesem außergewöhnlichen Menschen und zitiere zum Abschluß hier aus dem oben erwähnten Buch "Der Alchimist" eine meiner Lieblingsstellen:
Er wusste, dass jedes Ding auf der Welt die Geschichte von allen Dingen erzählen konnte. Wenn er ein Buch zufällig aufschlug oder Leuten die Hand las oder Karten legte oder den Flug der Vögel beobachtete oder was auch immer, konnte jeder eine Verbindung zu dem herstellen, was er gerade lebte. In Wirklichkeit waren es nicht die Dinge, die etwas zeigten; es waren die Menschen selber, die, indem sie sich auf die Dinge konzentrierten, die Möglichkeit entdeckten, in die Weltenseele einzutauchen.




