04 Feb, 2009
Gib auf, Mehdorn/Des Einen Freud, des Anderen Leid
Posted by: Casi In: Blogs| Media| Microblogs
Hartmut, Hartmut – wie weit ist es nur mit Dir gekommen? Das Traditionsunternehmen DB willst Du für die Zukunft aufstellen…an die Börse willst Du… Und jetzt? Alles vorbei? Sieht ein klein wenig danach aus, denn viel ungeschickter als die Deutsche Bahn in letzter Zeit kann man sich der Öffentlichkeit nun wahrlich nicht präsentieren. Die Finanzkrise ist nicht Schuld der Bahn, das sehe ich ein – aber getroffen hat sie das Transportunternehmen natürlich genauso hart wie den Rest der Wirtschaft. Preiserhöhungen bei gleichzeitigem Leistungsverfall, Verspätungen und Bahnstreiks gehören bei der Bahn zum normalen Grundrauschen, da ist der interessierte Deutsche vermutlich schon viel zu abgestumpft, um noch wirklich aufzuschreien. Wenn bei so einem mächtigen Unternehmen aber die Technik dermaßen brach liegt, dass der Kunde weder am Fahrkartenautomaten noch im Internet sein Ticket kaufen kann und das für die Dauer von fast einem kompletten Tag, dann horcht auch der krisengeplagte Normalverbraucher genauer hin.
Kaum ist zumindest ein klein wenig Gras über die Sache/den Bahndamm gewachsen, holt Kamerad Mehdorn den ganz dicken Knüppel raus: Da man der T-Com nicht alleine das Feld überlassen will, was schlechte Publicity bezüglich Datenmißbrauchs angeht, mischt man lieber selbst mit seinem eigenen Abhör-Skandal mit. Als wäre das noch nicht genug, platziert man das Tüpfelchen auf dem "i" in Form einer Abmahnung, mit welcher man einen Blogger ruhigstellen möchte.
Mein persönlicher Zorn auf die Bahn – eine gefährliche Mixtur aus jüngsten Verfehlungen, bestätigten Vorurteilen und meinen persönlichen Bahnreise-Erfahrungen – soll hier gar nicht das Thema sein. Genauso wenig möchte ich hier ein Thema aufwärmen, welches von richtig hellen Köpfen der deutschen Blogosphäre bereits glänzend abgearbeitet wurde.
Ich hätte auch diesen Artikel vermutlich nicht geschrieben, wenn nicht zwei Medienexperten heute noch ihrerseits Beiträge abgeliefert hätten, die ich natürlich empfehlen als auch aufgreifen möchte. Es handelt sich einmal um den Artikel von PR-Blogger Klaus Eck und um den Twitter-Paradiesvogel und Neu-Blogger Sascha Lobo. Während die Masse der Beiträge zu den oben angesprochenen Themen eher darauf abzuzielen scheinen, auch ein wenig die jeweils eigene Abrechnung mit der Bahn zu machen, geht es hier eher um das, was die Bahn gerade für einen katastrophalen Image-Fauxpas begangen hat und – bei Sascha Lobo – um einen fast schon verträumten Blick in die nahe Blogger-Zukunft.
Klaus Eck stellt ganz richtig fest, dass es durchaus eine bedenkliche Entscheidung des Netzpolitikers Markus Beckedahl war, dieses hochexplosive Dokument in seinem Blog als PDF-Datei verfügbar zu machen. Fakt ist – und auch da bin ich bei Eck – dass es nicht einen Menschen wirklich interessiert, ob Beckedahl dort den Bogen eventuell ein wenig überspannt hat. Wäre ein Verantwortlicher der Bahn auf ihn zugegangen und hätte ihn höflich aber bestimmt um die Entfernung der Datei gebeten, wäre das Corpus Delicti heute noch genau das gleiche, was es bis gestern morgen war: Nahezu unbemerkt! Denn erst durch die Abmahnung, die Beckedahl ebenfalls ins Netz gestellt hat, konnte das Ganze so eskalieren.
So hingegen hat man (wie blöd kann man eigentlich sein) sich für sein Exempel ausgerechnet einen der Topblogger der Nation mit seiner sensationellen Vernetzung rausgepickt und hat damit einen Orkan der Entrüstung in der Blogosphäre heraufbeschworen – und nicht nur dort: Erstaunlicherweise haben sich sehr schnell auch die etablierten Online-Medien auf dieses Thema gestürzt. Diese Entwicklung wiederum hat Sascha Lobo auf den Plan gerufen. Während eine ganze Nation auf die Institution Bahn einprügelt, erfreut sich Sascha eher eines zart sprießenden Pflänzleins, welches den deutschen Blog-Frühling ankündigt. Er stützt seine These auf zwei Säulen:
- Barack Obama und seine mediales Geschick im Internet
Er beschreibt – in meinen Augen komplett richtig – den Effekt, den Obama auch für das deutsche Internet haben wird. Erster Indikator nach der US-Präsidentenwahl war die Wahl in Hessen, welche auch verstärkt über das Internet beobachtet und kommentiert wurde. Zudem hat man auch erstmals das Gefühl gehabt, dass – zumindest vereinzelt – das Internet so genutzt wurde, dass es wirklich eine Waffe in der Hand des Wahlkämpfers war und nicht nur das ungeliebte Stiefkind, welches man zähneknirschend mit durchfüttert. In dem Zusammenhang darf natürlich auch Twitter nicht unerwähnt bleiben. Über den Sinn und Unsinn des Microbloggings wird nach wie vor gestritten, unbestritten hingegen ist die Funktion als gewaltiger Multiplikator für Informationen, Strömungen, Meinungen. Das hat Hartmut Mehdorn nun genauso feststellen müssen wie vor ihm auch eine Barbra Streisand oder der wieder in der medialen Versenkung verschwundene Lutz Heilmann. Um zurückzukommen auf Lobos Beitrag, können wir festhalten, dass tatsächlich so etwas wie ein Ruck auch durch die deutsche Blog-Landschaft zu gehen scheint. Auf Blogs zurück verlinkende Medien wie das Handelsblatt oder auch die Bild sind weitere klitzekleine Belege für diesen Trend.
Die Zahl derer, die via Blogs oder Twitter das Medienangebot der klassischen Vertreter ergänzen und vertiefen, wächst zusehends und so ist es nicht mehr länger nur eine Blogger- oder Early-Adopter-Blase, die selbstbeweihräuchernd tagtäglich die Information und sich selbst feiert. Der Mainstream nimmt wahr, dass man sich viel besser und umfassender informieren kann als noch vor wenigen Jahren. Je mehr das beim gemeinen Internet-User ankommt, je öfter sich klassische Medien auf der einen Seite und Blogs/Microblogs auf der anderen Seite als Partner statt als Gegner begreifen, desto mehr werden wir alle davon profitieren. Vermutlich werden deutsche Blogger nie wirklich den Stellenwert erreichen können der amerikanischen Vorbilder, aber das Bahn-Beispiel zeigt, dass die Blog-Landschaft als Meinung und als Verstärker der Volks-Meinung zunehmend ein wichtiges, ernstzunehmendes Organ werden können.




