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11 Mrz, 2009

Winnenden beweist: Twitter ist böse

Posted by: Casi In: Media|Microblogs

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Eigentlich nicht nur Twitter – im Grunde ist das ganze Internet böse. Aber lasst mich ein wenig ausholen:

Wenn ich – so wie heute – gegen 17 Uhr von der Arbeit nach Hause komme, erwache ich aus meinem medialen Tiefschlaf. Während der Arbeit dringt so ca. überhaupt nichts aus der weiten Welt an mein Ohr, da die Mischung aus fehlendem Internet und mäßig an News interessierten Arbeitskollegen tödlich ist für meine Gier nach Information. Somit bleibt mir nur abzuwarten, bis ich mich vor den heimischen Quell des Wissen hocken kann und von Nachrichten aus aller Welt erst einmal förmlich erdrückt werde. Das ist nicht schön, aber nicht zu ändern und soll auch eigentlich nicht das Thema sein. 

Arbeite ich mich nun durch den Google Reader, dauert es natürlich nicht wirklich lange, bis man feststellt, dass es eine alles dominierende Schlagzeile gibt – im heutigen Fall natürlich der schreckliche Amoklauf eines 17-jährigen Jungen im baden-württembergischen Winnenden. Das ist weder verwerflich noch überraschend, dass diese Nachricht im Fokus der Medien steht. Auffällig finde ich dabei jedoch, dass Twitter scheinbar gleichermaßen als Informationsquelle für "richtige" Journalisten dient und von selbigen postwendend kritisiert wird.

Egal, ob Erdbeben, Obama, die Flugzeuglandung im Hudson-River oder jetzt der Amoklauf in Winnenden: Twitter  ist jedes Mal ein brutaler Tritt in den Arsch der Journaille. Ich möchte hier jetzt sicher nicht die pauschale Medienschelten-Keule rausholen, denn es gibt genügend Journalisten, die das Medium Twitter einzuordnen wissen: Als Informationsquelle und vor allem nur als Ergänzung zu den herkömmlichen Medien. Twittern ist kein Journalismus in meinen Augen. Twitter liefert Augenzeugen-Statements, Twitter trägt News sensationell schnell in die Welt, aber Twitter ist mit Sicherheit kein hundertprozentig zuverlässiger  Informations-Pool, aus dem man sich unreflektiert bedienen darf. Die klassischen Medien werden nun nicht müde, auf diesen Umstand hinzuweisen, den Fakt missachtend, dass das Gros der Twitter-User sich natürlich dessen bewusst ist und durchaus in der Lage ist, so etwas zu filtern.

Ich glaube, wir im Microblog-Mikrokosmos haben die allerwenigsten Schwierigkeiten damit, dieses neue Medium als eine Zugabe, einen Bonus zu den klassischen Medien zu verstehen. Aber eine Branche, die mit Feuereifer um ihre Existenz kämpft, gerät in helle Aufregung, wenn nur der Begriff "Twitter" fällt.

Nachdem vor wenigen Tagen der Spiegel wiederholt bewiesen hat, sich nur zähneknirschend mit dem Thema Microblogging befasst zu haben, legt nun anlässlich des Winnenden-Massakers der Stern fulminant nach in seiner Story: "Das Internet verplappert sich". Erzählt wird dort unter anderem, dass durch Twitter-Nutzerin Tontaube und ihren Tweet die Lawine bei Twitter losgetreten wurde:

ACHTUNG: In der Realschule Winnenden gab es heute einen Amoklauf, Täter angeblich flüchtig – besser nicht in die Stadt kommen!!!!

Der Stern kritisiert, dass – ohne Fakten und Hintergründe zu kennen – sich nun die ganze Twitter- und Medienwelt auf die twitternde Redaktionsassistentin Natali Haug stürzt. Auszug aus dem Stern-Artikel:

Zwar schrieb sie später auch, dass sie im Bahnhof sitzt, nichts weiß und deshalb auch der Presse keine Antworten geben könne, aber da war es schon zu spät. In Ermangelung echter Zeugen nimmt man halt, was man kriegen kann. Jede Äußerung von Tontaube wird von anderen Nutzern wiederholt und gewinnt dadurch offensichtlich an Relevanz.

Hallo Stern? Schön und gut, wenn ihre Tweets durchs Netz geistern, aber mit "Presse" hat sie doch vermutlich wohl eher Eure Zunft gemeint und nicht die Twitter-User, oder seh ich das falsch?

Schön finde ich auch die Stelle:

Auf der Seite des Fotodienstes Flickr laden die Mitglieder Bilder hoch, die zwar oft nichts mit dem Amoklauf zu tun haben, aber dennoch mit dem Begriff "Winnenden" versehen werden.

Kann eventuell damit zusammenhängen, dass "Winnenden" bislang auch weniger als Synonym für Amokläufe gebraucht wurde, sondern in erster Linie ein verträumtes, kleines Kaff in der Nähe von Stuttgart ist. Es wird ebenfalls kritisiert, dass sich bei Wikipedia bereits ein Satz zu den heutigen Ereignissen findet. Finde ich nun auch wieder nicht verwerflich, wieso auch? Auf der Homepage der Stadt Winnenden finden sich schließlich auch Meldungen zum Thema.

Mit von Arroganz geprägter Unwissenheit wird im Artikel gelästert, dass nahezu sekündlich neue Tweets zum Thema auftauchen. In den Kneipen und den Wohnzimmern der Nation wird es aber vermutlich nicht viel anders aussehen – schließlich ist es ein trauriges Ereignis, welches glücklicherweise so nicht oft stattfindet. Nicht zu letzt die klassischen Medien handeln doch ähnlich, wenn sie reihenweise Programmänderungen ankündigen, um mit Sondersendungen am Ball bleiben zu können. Apropos Tweets zum Thema – kennt Ihr die?

winnenden

Ich mache jetzt der Stern-Mitarbeiterin Sandra Schink sicher nicht den Vorwurf, die Links ihres Arbeitgebers zu twittern, aber man kann doch nicht allen Ernstes mit dem Finger auf Twitter-Nutzer zeigen und selbst dann einen Artikel nach dem anderen an den Start bringen, die oft nur am Rande mit den Geschehnissen zu tun haben. Da gibt es eine Fotostrecke mit Amokläufen an Schulen und Universitäten – man will das Klickvieh ja bei Laune halten – und Interviews mit ehemaligen Klassenkameraden, die dem Amokläufer einen komischen Musikgeschmack bescheinigen und die ihn seit einem Jahr überhaupt nicht mehr gesehen haben. 

Die nicht nur von Twitter-Usern erwartete erneute Debatte um gefährliche Computerspiele hat in meinen Augen auch weniger mit Zynismus als mit Realismus zu tun, oder werdet Ihr vom Stern Euch nicht wieder auf dieses Thema stürzen? Ich möchte fast dagegen wetten, denn es sind nicht nur Microblogger, die mit wenig Information, unpassenden Sprüchen und schwammigen Zitaten an die Öffentlichkeit gehen.

Mich würde interessieren, wie meine Leser zu diesem Thema stehen: 

 

 

 

 

 

  • causalis
    Der von Dir heißgeliebte Dr. Satori, hat auf seiner Homepage http://www.pseudolus.de sich des Themas "Winnenden, Presse und Twitter" angenommen...
  • ja, habs gelesen und teile durchaus seine Meinung in einigen Punkten - der Punkt "Twitter" gehört jedenfalls nicht dazu ;)
  • nachgeblogt.de

    Dort ist ein ganz frisches Interview mit dem Betreiber der Seite krautchan.net “Tsaryu”
  • Man kann echt vieles an Twitter kiritisieren, aus technischer, informationsökonomischer und eben auch moralischer Sicht. Aber wenn die selbsterklärte crème-de-la-crème der Berichterstatter pauschal neue Medien (Internet im Allgemeien) niedermacht, oder - obwohl sie den Mehrwert des Internets für sich immer noch gefunden haben - pauschal jeden neuen Informationskanal (twitter) niedermachen und als Journalismus zweiter Klasse abtun, dann ist das reines Besitzstandsdenken.

    Ich frage mich auch, ob das nicht schon früher so gelaufen sein muss. Wahrscheinlich hat die schreibende Zunft erst gegen die Einführung des Radios, dann des Kinos, dann der Fernsehnachrichten gewettert. Jetzt kamen die Online-Magazine, Blogs, Twitter und wer weiß was noch…

    Wie hier ja ganz richtig angedeutet wird: Die sitzen in ihren Schützengräben und feuern blind in Richtung (imaginärer) Front, um sich anschließend gegenseitig auf die Schultern zu klopfen, dass der “Feind” sich an ihnen mal wieder die Zähne ausgebissen hat.

    -- puh, da hab ich mich wohl etwas in Rage geschrieben ^^ Naja, wie dem auch sei.

    René / http://twitter.com/rrrene
  • Twitter ist sicherlich ein gutes Tool um auf etwas aufmerksam gemacht zu werden, aber dann schalte ich doch lieber erstmal Fernsehen und Radio ein, um zu schauen was dahinter steckt! Aber auf twitternde User mit dem Finger zu zeigen und selbst das "Twitter-Feuer" mit einheizen ist wirklicht nicht sehr gradlinig.
  • wolfgang
    Lieber Casi,

    Du weißt hoffentlich, dass ich dich und deinen Blog sehr schätze. Dein Beitrag heute hat auch sicher seine Berechtigung. Ausdrücke wie "Klickvieh" und "Journaille" kenne ich aber nur von dem unerträglichen Don. Das hast du doch nicht nötig, oder?
  • Hat mit "nötig haben" nix zu tun, Wolfgang. Mir sind sinnlose Klickstrecken genauso zuwider wie das Twitter-Bashing in einigen Medien. Das damit nicht pauschal jeder Journalist gemeint ist, habe ich ja auch geschrieben. Sei Dir sicher, dass ich nicht der Polemik willen "don"sche Begriffe verwendet habe ;) Über Dein Lob freue ich mich jedenfalls :)
  • Danke für diesen Artikel. Ich wollte schon lange in ähnlicher Art und Weise über Twitter und die Medien reflektieren und werde gerne deinen Beitrag verlinken. Deine Ansichten teile ich voll und ganz. Leider haben die meisten Medien einen großen Nachholbedarf.

    Trotz allem bin ich gespannt wie sich Microblogging weiterentwickelt..
  • Winnenden war in meiner Jugend ein Synonym für "Irrenanstalt". Das nur nebenbei.
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