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20 Mrz, 2009

studiVZ: Was hat Dich bloß so ruiniert…

Posted by: Casi In: Social Networks

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Gerade zu den neuen Zahlen der IVW kann man sich bei Holtzbrinck nun mal wieder Gedanken machen, wohin denn nun die Reise gehen soll mit mein-/studi-/schuelervz. Wer-kennt-wen konnte schon im letzten Monat dem schuelervz den Rang abjagen, was die Zahl der visits angeht. Im Konzern wird bereits eh viel gerechnet und auf der Strecke blieb dabei vor wenigen Wochen das konzerninterne News-Portal zoomer.de. Es scheint nur eine Frage von wenigen Monaten zu sein, wann WKW das Social Network in Deutschland sein wird, auch die Zahlen der AGOF belegen das.

Bittere Ironie für die studiVZ-Macher ist dabei, dass man sich auf der einen Seite seit Jahren harsche Kritik für die Rückständigkeit des eigenen Projektes einfängt und nun abgehängt wird von einem technisch und grafisch noch armseligeren Netzwerk. Vielleicht ist es auch etwas vorschnell, wenn man davon spricht, dass die immer noch sehr beliebte Studentenplattform in den letzten Zügen liegen könnte, aber die Zeiten, in denen studiVZ das Synonym für Social Networks in Deutschland war, sollten zumindest entgültig vorbei sein.

 

Mein Abend im studiVZ

Ja, sowas gibt es tatsächlich – ehrlich gesagt war das gestern Abend übrigens Premiere, dass ich wirklich über mehrere Stunden auf dieser Plattform unterwegs war. Was war passiert, dass es soweit kommen konnte?

  • Alle anderen Social Networks waren platt
  • Alle meine Freunde auf anderen Netzwerken haben alle Accounts bis auf den VZ-Account gelöscht
  • Ich habe jetzt erst erkannt, wie toll studiVZ eigentlich ist
  • Innovative Neuerungen haben mich angelockt

Soso, klingt also alles unrealistisch? Ja, Ihr habt Recht ;)

In Wirklichkeit war es nämlich wie folgt:

Ein sehr guter Freund hat sich vor kurzem von seiner Freundin getrennt. Dieser gute Freund hatte noch nie einen eigenen Internetanschluss. Falls er irgendwelche Infos oder Daten aus dem Netz benötigte, kam er halt bei mir oder bei wem anders vorbei und hat freundlich angefragt, ob er den Rechner ‘nen Moment nutzen darf. "Nutzen" ist dabei eigentlich schon zu viel gesagt, denn dieser – mit Sicherheit echt intelligente – Mensch stellte sich sehr schnell als Internet-Legastheniker heraus. Das Eintippen seiner E-Mail-Adresse dauert auch schon mal länger als eine Minute (und da ist das Eingeben des Passwortes noch nicht eingerechnet).

Worauf ich hinauswill: Ich will hier nicht einen Freund dissen, weil er nicht schnell tippen kann, sondern eher festhalten, wie sich jemand im Netz bewegt, der sich damit noch nicht auseinander gesetzt hat. 

Dass er nicht mehr mit seiner Freundin zusammen ist, habe ich übrigens nicht nur aus Jux geschrieben, sondern weil es unmittelbar damit zusammenhängt, dass er so lange kein Internet hatte. Die Hintergründe sind dabei jetzt natürlich eher zu vernachlässigen, Fakt ist jedoch, dass er nun Internet möchte, und genau aus diesem Grund gestern bei mir war.

Mir ist während des Nachmittags/Abends/Nacht erst klar geworden, in welcher Blase ich mich hier überhaupt befinde, bzw meine Leser finden sich  glücklicherweise in der gleichen Blase ;) Ich brauche ihm nicht erklären, wie Twitter funktioniert, oder was ein Lifestreaming-Dienst ist. Short-URLs, APIs, offene Protokolle und all die Dinge, über die wir nicht eine Sekunde nachdenken, wären für ihn leere Worthülsen und ein unüberwindbares Hindernis auf seiner Expedition ins Internet.

Diese Überlegungen machte ich, während wir beschäftigt waren, eine E-Mail-Adresse für ihn anzulegen. Ich erklärte ihm, wo er in meinem Wust aus offenen Tabs "seine" Seite wieder finden kann und seit gestern weiss er auch, was ein Captcha-Code ist. Wie gesagt – ich rede hier nicht von einem totalen Vollpfosten, sondern von einem überdurchschnittlich intelligenten Menschen, der sich einfach noch nie mit diesen Dingen auseinander gesetzt hat. Wenn so jemand nun auf mich zukommt und mich fragt, wo er sich denn anmelden könnte, um sowohl mit seinen Freunden vernetzt zu sein und auch neue Leute kennenlernen zu können, bleiben in der Tat nicht viele Dinge übrig. Facebook und selbst MySpace sind da erst einmal zumindest zu komplex. Bleiben für den germanischen Netzwerker noch die VZs und Wer-kennt-wen. Letzteres legt hier zwar immer mehr zu, ist aber immer noch nicht weit genug verbreitet in unserer Region, als dass er dort sehr erfolgreich nach Bekannten fahnden könnte.

Also passiert, was eigentlich nicht passieren darf: Der notorische VZ-Nörgler Carsten Drees empfiehlt einem Freund, sich bei meinVZ anzumelden. Ich werde jetzt auch nicht noch einmal auf Funktionen oder Layout zu sprechen kommen – meine Meinung dazu kennt Ihr ja bereits. Ich habe mich auch schon öfters dazu geäussert, dass gerade die Mischung aus nur rudimentären Funktionen und einer großen Zahl an bekannten Gesichtern das Haupt-Kriterium ist, wenn man seine ersten Gehversuche im Netz unternimmt. Aber so klar wie gestern war mir das nie und seit diesem Abend glaube ich daran, dass auch noch in einigen Jahren ein so geartetes Netzwerk den deutschen Markt dominieren wird. 

Ich sehe die Prognosen und anhand derer kann man erahnen, wann WKW den Holtzbrinck-Netzwerken den Rang abläuft. Aber was die Region NRW bzw Ruhrgebiet angeht, sieht das alles noch viel schwammiger aus, da WKW regional immer noch sehr unterschiedlich stark vertreten ist. Ich denke schon, dass es irgendwann zu Gunsten von Wer-kennt-wen kippen wird, aber entgegen anderer Meinungen – wie z.B. der von Blogger-Kollege Uwe – möchte ich nicht (mehr) unmittelbar in diesen VZ-Abgesang einstimmen. studiVZ wird nicht einen Unfall-Tod sterben, sondern eher qualvoll verenden. Viel zu lange wird man noch von den Netzwerk-Effekten zehren können, denn nach wie vor erschließt sich vielen Usern nicht, wieso sie sich woanders anmelden sollen und sich ihren Freundeskreis noch einmal ganz vorn vorne aufbauen müssen. Diese Einsicht wird von selbst kommen, wenn man sieht, dass man all seine Freunde auch bei Netzwerk XY findet und dazu dann auch noch Leute, die man bei studiVZ nicht hat, aber es wird ein sehr zäher Prozess, falls nicht der Mutterkonzern selbst auf die Idee kommt, schlagartig den Saft abzudrehen.

Somit komme ich jetzt zurück zur Frage in der Überschrift: Was hat Dich bloß so ruiniert, studiVZ? Wenn alle Parameter stimmen – zur richtigen Zeit am richtigen Ort, überwältigende Userzahlen als Folge daraus – dann bleibt ja nur ein Kandidat übrig. Man wird nicht vom Markt verschwinden, weil man schlechter ist als WKW oder weil man mit den Innovationen anderer Netzwerke nicht mithalten kann. Man wird einfach nur aus eigener Dummheit aus dem Markt gespült. Mobile Anwendungen, marginale Funktionserweiterungen und das erstmalige Zulassen von externen Entwicklern für Apps sind zu diesem Zeitpunkt nicht viel mehr als Gesten, nicht viel mehr als das Klammern an Strohhalme, die man noch vor kurzer Zeit überheblich verschmäht hat. 

Diese Gnadenfrist will ich dem studiVZ gerne einräumen, gerade nach den Beobachtungen von gestern. Ich werde jedenfalls zukünftig im Hinterkopf behalten, wie unterschiedlich die Voraussetzungen und Ansprüche sind, und sobald die viralen Effekte den halben Ruhrpott zu WKW gespült haben, werde ich mich wieder mit meinem Freund hinsetzen, ihm erklären wieso das jetzt mehr Sinn für ihn macht und weiter darauf hoffen, dass er vielleicht irgendwann mal bei Facebook landet/landen möchte.

 

  • Excellent tips .I really appreciate all these points, and I agree completely…
  • tim
    studiVZ war von Anfang an Plagiat von facebook. Hier und da tauchte zurecht Kritik an den Gründer selbst auf. Da facebook noch nicht "deutsch" war, lief diese SchbladenVZ Geschichte und trieb wilde Blüten.

    Wie ganz richtig bemerkt, das Ende ist für studiVZ nahe, und das ist gut so.
    Das Web kann sich durch mündigere User von solchen Erscheinungen befreien und letztendlich bereinigt der Markt die Kollateralschäden.

    Ist zu erwarten dass die Verantwortlichen demnächst twitter o.ä. kopieren und schön Geld dabei verbrennen werden.
  • bin mal gespannt ob das wirklich der Fall sein wird.

    Ich habe meine Studnivz Acconunt schon längst gelöscht, weil es mich störte, dass man da keine links einstellen konnte.

    Bei WKW melde ich mich erst an, wenn es die Größe von VZ hat.

    Bin solange bei Xing und Linkedin.

    mfg
  • Ich bin immer sehr vorsichtig mit dem Ausdruck "zu spät", aber ich frage mich hier, ob es nicht wirklich zu spät ist, um das VZ mit Apps anzureichern. Denn diese plista-Geschichte ist ja nicht mehr als ein schlechter PR-Gag, da hier nur die Nutzer eines kaum verbreieteten, proprietären Browser-Plugins in den "Genuss" der "Apps" kommen...

    Naja, trotzdem sehr schöner Artikel über die psychologischen Hintergründe des VZ-Effekts ^^
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