Anfangs war in mir Zweifel oder Unglaube. Später dann Wut, Zorn und all diese Dinge, die einen manchmal auf die Barrikaden gehen lassen. Mittlerweile ist da fast schon so was wie Ohnmacht in mir, wenn ich auf die beiden Seiten des Schlachtfeldes schaue, auf welchem wir uns gerade gegenüber stehen.
Ich habe mich auf der Seite eingereiht, die – ja das glaube ich nach wie vor – für das Richtige steht. Versteht mich nicht falsch, ich bin eigentlich nicht dieser Demo-Typ. Weder halte ich Pappschilder hoch, in denen ich mehr Arbeit oder mehr Geld fordere und ich bin auch nicht der Typ, der abends in der Lichterkette eine Kerze hält, um es den Rechten mal richtig zu zeigen. Vielleicht ist "der Deutsche" generell so, dass er trotz sozialen Schieflagen nicht zwingend protestieren geht, so wie es sein Nachbar in Frankreich tut.
Aber selbst so ein gemütlicher Couch-Hocker wie ich trägt sich mit dem Gedanken, vielleicht doch mal Pinsel und Farbe zur Hand zu nehmen, um sich sein Pappschild zu bemalen, denn vom ständigen Wiederholen im Blog bekommt es auch keiner mit, der nicht bis jetzt schon sowieso unterschrieben hat. Es scheint fast so, als ist man in der Politik penibelst drauf bedacht, den wahren Sachverhalt unter den Tisch zu kehren, anstatt sich mit Argumenten auseinanderzusetzen. Also kann man daraus doch nur schließen, dass es nicht einmal im Ansatz darum geht, das Richtige zu tun. Vermutlich geht es noch nicht mal um das viel beschworene eine einzige Kind, dessen Rettung das alles hier rechtfertigen würde. Worum es geht, kann ich noch nicht genau sagen – noch pendel ich zwischen Wahlkampf und einleitende Maßnahmen für weitere Freiheitsbeschneidungen.
Was mich so auf die Palme bringt und in die Schnittmenge zwischen aktiv und depressiv bringt, sind die jüngsten Entwicklungen nach Bekanntwerden des Petitionserfolges. Da werden Professoren befragt, die augenscheinlich hoffnungslos mit der Thematik überfordert sind, auf die man aber aufgrund des Bildungsstandes natürlich dennoch hört. Schön, dass sich auf gleichem intellektuellem Niveau eine Antwort gefunden hat – hier sind beide Links:
- Professor Dr. Meinel will eine sachlichere Diskussion
- Replik von Professor Dr. Koch auf Professor Dr. Meinel
Durch den politisch sehr engagierten Pottblogger Jens Matheuszik bin ich auf die "grüne Zensursula" gestoßen, aber schaut Euch lieber selbst an, wie Nora Reich ein rhetorisches Feuerwerk entfacht und selbst den geschulten Redner anerkennend mit der Zunge schnalzen läßt:
Ich habe mir das gerade tatsächlich noch einmal angeschaut und bin mir nach wie vor nicht sicher, ob sich die Grünen damit einen Gefallen tun, dieses Video weiterhin auf der partei-eigenen YouTube-Seite zu präsentieren. So viel geballte Inkompetenz kann wertvolle Stimmen kosten – da bin ich von den Grünen, die ich via Twitter verfolge, doch was qualitativ ganz anderes gewohnt.
Wenn man denkt, dass die Debatte nicht noch unsachlicher und populistischer geführt werden kann, belehrt uns Netzpolitiker Markus Beckedahl wieder einmal eines besseren, in diesem Falle mit seinem Blogbeitrag Deutsche Kinderhilfe für Zensursula! Da wird berichtet, wie auf atemberaubend naive Art und Weise eine Gegenbewegung zur Petition angezettelt wird und genau an diesem Punkt müssen wir aufpassen, dass uns die Geschichte nicht aus den Händen gleitet. Es ist schon schwer genug, augenscheinlich gegen die Sperrung von kinderpornografischen Seiten zu sein, aber allgemein gegen Kinderhilfe? Wenn mir jemand einen Zettel unter die Nase hält, auf welchem "Ja, ich stimme für das Gesetz gegen Kinderpornographie im Internet ab" steht, würde ich vermutlich auch unterzeichnen. Mit der von uns allen unterzeichneten Petition hat das natürlich herzlich wenig zu tun.
Um das Ganze noch ein wenig abzurunden hier noch ein Zitat von Hans Peter Uhl (CSU):
Für mich steht jedoch fest, dass z.B. das Freiheitsrecht eines Kindes, nicht sexuell missbraucht und Pädophilen zur Schau gestellt zu werden, um einiges höher zu bewerten ist als eine verabsolutierte "Freiheit des Internets" oder anderes dummes Geschwätz. Die ganze pseudo-bürgerrechtsengagierte Hysterie von Pseudo-Computerexperten, man müsse um jeden Preis ein "unzensiertes Internet" verteidigen etc. – vgl.www.ccc.de -, fällt für mich in die Kategorie: juristisch ohne Sinn und Verstand und moralisch verkommen.
(Hervorhebung von mir)
Keine Ahnung, wie das bei Euch ankommt, mir selbst ging jedenfalls erst einmal die Kinnlade runter, als ich es gestern gelesen habe. Ich will diesen Beitrag aber nicht beenden, ohne noch einige lesenswerte Artikel zu verlinken, über die ich gestern und heute gestolpert bin.
- Zeit.de – von der Leyens unseriöse Argumentation
- Odem-Blog – Woher wissen sie, was sie tun?
- Meedia – Topblogger über Zensursula
- heise.de – DNS-Sperren sind zur Blockade von Inhalten nur bedingt geeignet
Ich weiß, ich mute Euch hier zum Thema in den letzten Tagen eine Menge Lesestoff zu, aber zum einen gibt es auch sehr gute und sehr interessante Artikel, die wir alle gelesen haben sollten und zum anderen macht es durchaus Sinn, dass wir uns weitere Argumente, Erklärungen und Statistiken draufpacken, um die weniger involvierten Menschen von der Sache überzeugen zu können.
Wer weiß, wenn jemand zu einer größeren Offline-Demonstration aufruft, werde ich meinen Fettarsch vielleicht auch mal hier wegbewegen und dabei sein – wobei man sich im Vorfeld darüber im klaren sein muss, dass es keine Demo ist wie alle anderen. Gegen Krieg, für mehr Geld, gegen Kurzarbeit und für Reisefreiheit. Meistens gibt es keine zwei Volksmeinungen bei so gearteten Demonstrationen. Bei uns wäre das anders: Wir demonstrieren nicht nur für unsere Sache, wir müssen auch gleichzeitig Aufklärungsarbeit betreiben, um die Leute überhaupt für die Fakten zu sensibilisieren.




