18 Jun, 2009
Was haben Irans Freiheit, Zensursula und Facebooks Eifersucht miteinander zu tun?
Posted by: Casi In: Microblogs| Politik| Social Networks| zweipunktnull
Auf den ersten Blick scheinen nicht nur geographisch Welten zwischen dem amerikanischen Social Network und dem von Unruhen zerrütteten Land zu liegen. Wer noch keine Idee hat, worauf ich hinaus möchte, sollte erst mal einen Blick auf die aktuelle n-tv-Startseite werfen:

n-tv und ein Twitter-Interview als Aufmacher? Keine Seltenheit in diesen Tagen. Langsam verschwindet bei mir das nervöse Zucken, wenn in den Tagesthemen oder dem Heute-Journal Vokabeln wie "Facebook" oder "Twitter" fallen. Gerade Twitter ist ein Phänomen, welches schon längst den Freak- bzw Nerd-Level verlassen hat. Keine Angst – das wird jetzt hier kein erneutes Twitter- bzw Microblogging-Loblied, aber den Twitter-Kritikern muss auch klar sein, dass die iranischen Freiheitskämpfer sich vor allem über Twitter organisieren und austauschen.
Wenn man als Blogger die Gelegenheit dazu bekommt, sich anerkennend selbst auf die Schulter zu klopfen, dann muss man das natürlich tun. Ich tue das, in dem ich von den aktuellen Geschehnissen gleich in zwei Punkten bestätigt werde:
- Twitter ist keine Spam-Maschine, sondern exakt so gut und so nützlich, wie ich als User es möchte/zulasse
- Es ist nicht in Stein gemeißelt, dass die "digital natives" ein zwar sehr engagierter, aber auch sehr überschaubarer Haufen sind
Was heisst das jetzt? Die Twitter-Hasser müssen umdenken! Natürlich wird über Twitter eine Menge mieser Content, unlustiger Datendreck und Ähnliches durchgeblasen. Aber wenn ich um drei Uhr morgens einen besoffenen Kumpel anrufe, erwarte ich doch am Telefon auch kein tiefsinniges Gespräch mehr, oder? Jedes Medium funktioniert so – egal, ob ich twittere, ein Buch lese oder vor dem Fernseher sitze. Richtig genutzt erhalten wir jedenfalls ein wertvolles Werkzeug. Für mich funktioniert es auf meine Zwecke ausgerichtet auf diese Weise, und im Iran scheinbar auch, obwohl die Ziele unterschiedlicher nicht sein könnten.
Desweiteren bedeutet es übrigens auch, dass Ursula von der Leyen vor den Augen der Welt eine Lektion erteilt bekommt, wie "toll" Internetsperren funktionieren. Nur zum besseren Verständnis: Natürlich tut die iranische Regierung alles dafür, dass nichts nach draußen dringt und trotzdem hauen die Iraner Tweets ohne Ende raus in alle Welt. Warum? Weil sie sich gut organisiert haben im Social Web – und weil es schlicht und ergreifend kinderleicht ist, die Sperren zu umgehen.
Heute ist der Tag, an dem unsere unfähige Regierung der Zensur Tür und Tor öffnen wird. Schade, dass man sich nicht angesichts der Ereignisse im Iran eines Besseren besinnt. Ohne dem Iran zu nahe treten zu wollen: Wer in Deutschland glaubt denn daran, dass wir technisch nicht mit den Internetfähigkeiten des durchschnittlichen Iraners mithalten können? Die umgehen in Windeseile die immer neu errichteten Sperren und die deutschen "Pädokriminellen" sind nicht dazu in der Lage? Das ist so lächerlich…
Aber bevor ich mich wieder dieser Ohnmacht gegenüber unserer Regierung hingebe, gehe ich lieber drauf ein, was Facebook in meiner Überschrift zu suchen hat. Um das zu erklären, muss ich noch einmal darauf hinweisen, dass es Twitter ist, welches derzeit in aller Munde ist.
Für Mark Zuckerberg, der so klammheimlich eigentlich schon möchte, dass die ganze Welt Facebook liebt und als die Zukunft der Menschheit begreift, ist das natürlich ein Rückschlag, wenn die Nachrichten der ganzen Welt zuerst über Twitter berichtet und erst danach auf Facebook, YouTube und flickr verweist, obwohl sich Facebook durchaus darauf berufen darf, erstaunlich erfolgreich im Iran zu sein.
Das allein reicht Facebook natürlich nicht, und so treibt man die Entwicklung kontinuierlich weiter, an dessen derzeitigem Ende aktuell die Beta-Version einer neuen Suchfunktion steht, die Facebook noch etwas mehr in Twitter-Nähe bringt. Doch damit nicht genug: Um sich ein Stück von dem Nachrichten-Kuchen zu sichern, den sich Twitter fast alleine reinhaut, muss man mit seinen Statusmeldungen an die Öffentlichkeit – und genau das bereitet Facebook vor!
Aktuell gibt es Sicherheitseinstellungen, mit denen ich sehr fein justieren kann, wer was auf meiner Facebook-Seite sehen oder lesen darf. Aber bislang fehlt die Möglichkeit, von Fall zu Fall zu entscheiden, ob eine Statusmeldung für die Öffentlichkeit gedacht ist oder nur für meine "Follower" bzw Freunde. Das wird sich – zumindest testweise – vermutlich schon nächste Woche ändern, wenn genau dieses Feature in den Betatest geht. Das wäre dann die finale Kampfansage an Twitter.




