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20 Jun, 2009

Die Popkomm (pop-)kommt nicht

Posted by: Casi In: Media| Musik| Politik| zweipunktnull

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Harte Zeiten für Blogger oder eher traumhafte? Während die eine Sau noch durchs Bloggerdorf getrieben wird, startet die nächste schon durch. Schön ist dabei, dass sich die Säue durchaus kennen bzw miteinander zu tun haben. 

Bei der ersten Sau handelt es sich natürlich um "Uns Ursel", die vermutlich vor Lachen kaum noch Luft bekommt, angesichts der absolut inakzeptablem Leistung der Koalition in Sachen Internetsperren. Meine Meinung zum Thema ist hinlänglich bekannt, ein paar Links möchte ich aber dennoch loswerden, weil ich sie für sehr beachtenswert halte:

Einmal gibt es bei Nerdcore eine richtige Ansage an die Regierung, die auch dem dümmsten Koalitionsmitglied in der letzten Bank klarmachen sollte, dass hier noch gar nichts vorbei ist. Einen ebenfalls großartigen Artikel hat Enno Park verfasst. In seinem Beitrag wird auch dem nicht so internet-geschulten Menschen sehr anschaulich jede Facette dieses Skandals aufgezeigt.

Dann ist da noch das hochbrisante Thema "Jörg Tauss". Der Gute ist derzeit als Geächteter maximal in seiner Fraktion geduldet, dreht den Spieß aber nun um und überlegt, aus der Enttäuschung der letzten Tage und dem vermutlich kaum noch vorhandenen gemeinsamen Nenner mit seinen "Genossen" sein Parteibuch auf den Tisch zu knallen und seine sieben Sachen künftig bei der Piratenpartei unterzustellen. Falls das eintritt, wäre das natürlich eine sehr bemerkenswerte Geschichte für die Piraten, denn bei allem Engagement und all der vorhandenen Kompetenz fehlt bislang noch eine Persönlichkeit mit der Strahlkraft eines Jörg Tauss, der für eine ganz andere öffentliche Wahrnehmung sorgen könnte. Links dazu, die mehr oder weniger das Gleiche berichten, gibt es im Netz genügend. Stellvertretend dafür mal der Link zur Bild, die scheinbar ein wenig wankelmütig ist im Bezug auf Tauss. Mal muss man ihn aufgrund alter Seilschaften madig machen, mal redet man ihm nach dem Mund. Witzig erscheint sicher nicht nur ihm als eco-Award-Gewinner von 2002 die Tatsache, dass ausgerechnet Brigitte "Was ist noch mal ein Browser" Zypries ihn beerbt bei diesem Award und mit dem "Sonderpreis der deutschen Internetwirtschaft" ausgezeichnet wird.

Direkt nach der Zensur-Sau erreicht die illegale Download-Sau die Dorfmitte, hier dargestellt durch Ex-Viva-Boss und aktuell Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Musikindustrie Dieter Gorny:

Viele Unternehmen können es sich wegen des Diebstahls im Internet nicht mehr leisten, an der Popkomm teilzunehmen

spricht er in seiner Eigenschaft als Popkomm-Gründer und sagt die Musikmesse kurzerhand ab. Punkt Aus! Keine Popkomm, weil der böse Internetnutzer nicht bereit ist, auf illegale Downloads zu verzichten. Ich habe keinen Schimmer, ob ihm amerikanische Urteile den Kopf verdrehen oder was exakt sein Problem ist. Es gibt eine schöne Grafik im Guardian, die einen anderen Grund für das Musik-Desaster findet. Demnach – und der Meinung bin ich persönlich auch – kann man nicht davon ausgehen, dass jeder nicht ermöglichte illegale Download einen CD-Kauf nach sich zieht. Viel mehr wird in besagter Grafik dargestellt, wie sich die Musik-, DVD- und Computerspiel-Zahlen entwickelt haben. Dort kann man sehen, dass eher DVD- und Game-Verkäufe das Geld auffressen, welches die Kids nicht in Musik zu investieren bereit sind. Davon abgesehen gibt es auch in der Musik bereits unzählige Beispiel dafür, dass man auf eine komplett neue Situation am Markt trifft, auf welch sich einzustellen man viel zu lange versäumt hat. Während einige Labels und Acts aber mit dem Umdenken begonnen haben, jammert Gorny lieber vergangenen Zeiten nach, schimpft auf die Internetpiraten und würde sich liebend gerne an die Zensur-Infrastruktur der Regierung dranhängen, um jedem 12jährigen Kid mit seinen 20 Downloads den Garaus zu machen.

Die Popkomm ist eine Fachmesse, will sich auch als eine solche verstanden wissen und hat die Definition des "Faches" relativ eng gefasst. Soll heissen, dass das Erschließen neuer und innovativer Einnahmequellen gar nicht auf der Agenda steht. Stattdessen klammert man sich an die klassischen Tonträger und hat mit dem Verbannen der illegalen Downloader aus dem Netz die einzige für richtig befundene Lösung schon längst parat. Wird nur leider nicht funktionieren, Freunde.

Viel zu viele Dienste wie last.fm, roccatune, imeem, lala.com, YouTube, putpat.tv, tape.tv, steereo und etliche mehr bieten mir doch heute bereits Unmengen an Musik – und zwar kostenlos. Ähnlich verhält es sich mit den Abertausenden von Internet-Radios. Dieses Rad wird nicht mehr zurückgedreht. Man muss sich seitens der Industrie auf diese neuen Verhältnisse einstellen und mit den Pfunden wuchern, die einem verblieben sind. Das können Konzert-Veranstaltungen sein, das kann und wird Merchandising sein und das sollten exklusive Inhalte sein. Beispiele dafür habe ich hier schon genannt.

Aber – und da können wir uns alle themenübergreifend die Hand geben – beim Thema Musik verhält es sich genauso wie beim Thema Film oder Printmedien: Mit dem Internet – das große Einnahmen verschlingende Monster – ist in allen Fällen der Schuldige gefunden. Die Begriffe "gratis" und "illegal" sind sowohl in der Industrie als auch in der deutschen Politik mittlerweile als Synonym des jeweils anderen zu verwenden und auch beim Themenfeld "Killerspiele" hat man mit dem Internet die Wurzel allen Übels längst ausgemacht.

Da wären wir dann wieder bei der ersten Sau: Momentan werden wir als Nerds in eine Exoten-Ecke gedrängt, aus der wir aber gerade ausbrechen. Die heutigen Kids und die "Generation C64" bewegen sich heute schon wie selbstverständlich im Netz und begreifen es als das, was es ist. Chancen, Risiken, Gesetze – all das existiert im Netz genauso wie im realen Leben, von rechtsfreiem Raum kann also bei weitem nicht die Rede sein. Gerne wird darauf hingewiesen, dass sich das Bevölkerungsbild signifikant verändern wird und wir immer mehr ältere Mitmenschen und immer weniger jüngere zu verzeichnen haben. Das wird auch stimmen, der besseren ärztlichen Möglichkeiten sei Dank, aber das ändert doch nichts daran, dass auch immer mehr ältere Bürger das Netz für sich zu nutzen wissen und in vielleicht fünf oder zehn Jahren der nicht-surfende Rentner bereits in der Minderheit sein wird.

Dann wird es richtig spannend, liebe CDU/CSU und liebe SPD. Denn aus den 134k werden dann Millionen geworden sein. Millionen, deren Meinung auch bei Wahlen wirklich Gewicht haben werden und denen Ihr aufgrund dieser Tatsache so weit in den Hintern kriechen werdet, dass man nicht mehr erkennen kann, wo der eine Arsch anfängt und der andere aufhört. Das wird jetzt noch nicht der Fall sein, was die aktuellen Bundestagswahlen angeht. Jetzt gibt es erst ein wenig halbherziges Geschreibsel bei studiVZ, gut gemeinte Parteiportale und all das, um die Internetpeople zufriedenzustellen, weil man da in Amerika irgendwie was mitgekriegt hat.

Aber bei der nächsten Wahl, Freunde – und das schwör ich Euch nackt in die Hand – bei der nächsten Wahl sehen wir uns wieder und dann wird einigen ihr süffisantes Grinsen im Hals steckenbleiben.

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