09 Jul, 2009
Piratenpartei: Warum ich heute um 18 Uhr zuhause sein werde…
Posted by: Casi In: Politik
Neulich hatte ich eine witzige Begegnung in meinem "Stamm"-Supermarkt (nein, ich meine nicht diese hier *g*). Ich stand mit meiner Freundin an der Kasse, hatte mein "Zensursula"-T-Shirt an und forderte den Menschen vor mir zu einem spontanen Trikottausch auf – jener trug nämlich ein "Piratenpartei"-Shirt. Wir kamen natürlich kurz ins Gespräch und er lud mich dann spontan zum Donnerstags stattfindenden Piraten-Stammtisch ein, was ich bis dato auch durchaus als Abendgestaltung in Erwägung gezogen hatte.
Erstmals ins Grübeln kam ich durch die Holocaust-Geschichte um Bodo Thiesen. Wie es sich gehört, wenn man auf der großen Polit-Bühne agieren möchte, hat man dann – im Anschluss an einen Sturm der Entrüstung – auch tatsächlich gehandelt und Thiesen ein Ultimatum gestellt, gekoppelt an ein ganz klares Statement seinerseits, dass er den Holocaust eben nicht leugnet oder anzweifelt. Das sollte die Gemüter beruhigen und erfüllte auch größtenteils seinen Zweck.
Was ich jetzt gerade aber drüben bei den Ruhrbaronen lesen musste, lässt mich langsam komplett vom Glauben abfallen. Demnach hat der Holocaust-technisch geläuterte Bodo Thiesen nicht nur zu Adolf und seiner Vorgehensweise eine – sagen wir – eher exotische Meinung kundgetan, sondern sich auch zum Thema "Pädophile" ganz merkwürdige und inakzeptable Statements abgegeben. Ich zitiere aus der Piraten-Wiki:
Versetzen wir uns mal in einen Pädophilen. Wir wissen ob der Strafbarkeit von Sex mit Kindern und sehen das auch ein (die meisten Pädophilen werden nicht zu sexuellen Straftätern, das passiert nur einer kleinen Randgruppe). Was bleiben uns für Möglichkeiten der sexuellen Befriedigung? Bücher, Zeichnungen usw. die der sexuellen Befriedigung dienen könnten, sind alle verboten – bereits der Besitz davon. Jetzt verlassen wir mal kurz das Rollenspiel und überlegen uns, wie wir uns fühlen würden, wenn wir a) kein Sex mit Freund/Freundin/Ehepartner(in) haben könnten (ohne uns strafbar zu machen), b) keine Pornos, Liebesromane etc. sehen und lesen dürften und c) unsere Phantasien nicht niederschreiben dürfen – nichtmal in ein Tagebuch. Enthaltsamkeit das ganze Leben lang. Wer ist dazu fähig, bitte Hände hoch. Aha. Aber genau das verlangen wir von den Pädophilen. Unter dieser Voraussetzung erstaunt es mich ehrlich gesagt, daß so extrem wenig passiert – geachtet der rund 100 Tausend Pädohilen, die alleine in Deutschland leben – oder aber, die Dunkelziffer ist bedeutend höher, als man sich das eingestehen will.
Ich stelle hiermit die provokante These auf, daß der Verbot Kinderpornographicher Schriften nach §184b tendenziell eher schädlich als nützlich ist.
Wie bitte???
Ich werde gar nicht versuchen, dieses Statement argumentativ aufzuarbeiten, weil es einfach von vorne bis hinten hanebüchener Blödsinn ist. Damit bzw durch das Publikwerden dieser Aussage hat er seiner Partei einen Arschtritt verpasst von dem man sich – das unterstelle ich – nicht so einfach erholen kann. Ich schätze Jörg Tauss für das, was er für uns digitale Einheimische leistet, aber es stehen nach wie vor unschöne Anschuldigungen im Raum und er kann sich genau wie die ganze Piratenpartei nicht dagegen wehren, dass diese Vorwürfe immer wieder thematisiert werden. Mit Thiesen liefert man sich jetzt der Politkonkurrenz wehrlos ans Messer.
Man kann sich – gerade angesichts der Tauss-Geschichte – einen solchen Fauxpas absolut nicht erlauben. Denn somit hat man nun in vorderster Parteienfront einen nachgewiesenen Besitzer von Kinderpornographie und zudem einen Menschen, der den kriminellen Charakter des Besitzes dieses Drecks ernsthaft in Frage stellt. Das zusammen ergibt einen Todes-Cocktail, den die Piratenpartei gerade auf Ex runterzustürzen gedenkt.
Die netten Piraten in Dortmund können nichts dafür, schätze ich mal. Dennoch bleibe ich jetzt mit meinem Hintern zuhause. Es geht nämlich nicht nur um eine untragbare Person, sondern auch darum, wie man mit dieser Person umgeht und was man sie ungestraft auf offiziellen Parteiseiten äußern lässt. Wie sollte ich mich denn erklären, wenn ich tatsächlich Mitglied würde und mit der Frage konfrontiert werde, wie ich zu diesen Dingen und dieser Person stehe?
Ich bin enttäuscht davon, was ich in diesen Tagen erfahren muss, ein wenig schockiert, dass ich mir so leicht eine Parteizugehörigkeit vorstellen konnte, ohne mich nur ein klein wenig mehr zu informieren und bin darüber hinaus der Meinung, dass man seitens der Piratenpartei derzeit noch gar nicht zu realisieren scheint, was hier gerade losgetreten wird.
CDU und SPD werden unter ihren hastig aufgespannten Regenschirmen jubeln, denn den Sturm aus Scheiße wird es scheinbar nun woanders regnen…




