Auf zu neuen Ufern? Oder säuft man ab?
Hektische Betriebsamkeit herrscht im Hause MySpace. Unlängst hat man einen großen Teil seines Personals auf die Straße geschickt, Facebook ist in einem Tempo an MySpace vorbeigerast, welches das bis dato führende Netzwerk daneben wie ein stehendes Hindernis aussehen ließ, welches elegant umkurvt wurde und nicht zuletzt wird man in der Internetwelt als taumelnd und orientierungslos wahrgenommen. Dummerweise schien man bei MySpace selbst nicht so ganz zu wissen, wo man hin möchte. Will man so bleiben wie man ist, will man eher Facebook hinterherhecheln oder versucht man was komplett Neues?
Medienmogul und MySpace-Eigner Rupert Murdoch will die MySpace-Kogge nun wieder auf Kurs bringen und gibt dem Wall Street Journal das Schlagwort "Entertainment Portal" mit an die Hand.
Genau wie André drüben bei Basic Thinking bin ich auch der Meinung, dass man nicht langsam ein wenig umbauen sollte, sondern ganz schnell ganz viel! MySpace ist lange nicht so schlecht, wie es teilweise geredet werden soll. Für Musiker und Musikfans ist es nach wie vor eine der ersten Adressen im Netz und das eigene Videoportal muss sich selbst hinter YouTube nicht verstecken, welches als einziges Videoportal noch größer ist als die MySpace-Variante. Dazu kommt mit MySpace Music (auch, wenn in Deutschland immer noch nicht verfügbar) ein Produkt, welches sowohl beim User ankommt, als auch Geld in die Kasse spült. So schlecht ist die Ausgangslage also gar nicht mal.
Traurig nur, dass es nach außen aber oft schlecht und undurchdacht wirkt. Meine absolut am meisten gelesenen Beiträge hier bei zweipunktnull sind die, die sich damit auseinandersetzen, wie sich MySpace aus User-Sicht verändert hat, wie man mit dem neuen Design klarkommt bzw wie man trotz neuem Profil-Designer zurück an die alten Profile kommt. Das zeigt, dass viele Nutzer unzufrieden sind damit, wie sich das Netzwerk derzeit präsentiert. Für viele langjährige Nutzer ist der neue Profil-Designer eine absolute Plage (wobei ich mich selbst da ausschließen möchte, denn ich schätze die aktuelle Variante) und für diejenigen, die eh nichts mit MySpace anfangen konnten, weil das Social Network ca so einheitlich wie ein Flickenteppich daherkommt, hat sich auch mit den neuen Design-Möglichkeiten kein Grund gefunden, jetzt mit MySpace warmzuwerden.
Fraglos ein Dilemma, welches Murdoch mit dem Schritt zu einem Entertainment-Portal bekämpfen möchte. Dummerweise sagt er nicht explizit dabei, wie er sich das vorstellt und welchen Zeitansatz man da kalkulieren darf. Wie ich oben bereits sagte – man hat keine Zeit zu verlieren, denn die User werden in Scharen davonlaufen, egal ob zu Facebook wg des Networkings oder zu zahllosen Streaming- oder sonstigen Musikdiensten eben wegen der Musik.
Ich maße mir nicht an, einen der weltweit erfolgreichsten Medienmenschen beraten zu wollen, aber wenn man ihm was empfehlen würde, dann wäre es vermutlich das, was man einem Offline-Unternehmen in solchen Situationen auch rät: Konsolidierung! Zurück zum Kerngeschäft bzw zu dem, wofür MySpace bekannt und beliebt ist und wo man nach wie vor mit der ganz breiten Brust auftreten kann.
Das kann bei MySpace nur die Musik und/oder das Videoportal sein. Wenn man explizit von Entertainment-Portal spricht, hat man sicher beides im Blick und das wäre auch gut so. Lasst die privaten Profile weiter in den Hintergrund rücken und bietet Bands, Musikern, Künstlern ein allumfassendes Forum, auf welchem man seine Musik entdecken, anhören und kaufen lassen kann. Konzert-Tickets, Merchandising, exklusive Fan-Aktionen und exklusive Konzertmitschnitte – das alles kann dazu führen, dass sich sowohl Nutzer als auch Künstler pudelwohl auf einer solchen Plattform fühlen können. Stellt die Videoinhalte stärker und strukturierter in den Vordergrund – ich denke da an eine Präsentation, wie sie bei sevenload konsequent und absolut vorbildlich vorgelebt wird.
Man hat auf beiden Seiten – Künstler und User – immer noch so unglaublich großen Zuspruch. Das muss weiter hervorgehoben werden und das darf ruhig auf Kosten der Profile gehen. Von mir aus sollen User sich nach wie vor ihre individuellen Seiten gestalten können (sonst vergrault man zu viele Stamm-Nutzer), aber der Fokus sollte nicht länger auf Pinnwandeinträge, Freunde sammeln und private Nachrichten gelegt werden, denn ich fürchte, dass man auf diesem Feld nicht gegen Facebook bestehen kann.
Man gibt sich wahrlich Mühe, nach wie vor fleißig neue oder verbesserte Features anzubieten. Beispielsweise hat man jüngst einen webbasierten Instant Messenger gelauncht, der meines Erachtens attraktiver wirkt als sein Facebook-Pendant:

Man erkennt durchaus, dass man ständig die Usability-Stellschrauben nachjustiert, aber man erkennt auch oftmals, dass nach der lauten Kritik der User einzelne Schritte wieder zurückgenommen, korrigiert, nachgebessert werden und das ergibt einen Schlingerkurs, bei dem ich als Nutzer mir oft verloren vorkomme, weil ich manchmal gar nicht mehr weiß, wie welches Feature denn nun funktioniert, oder ob es überhaupt noch (oder wieder) vorhanden ist.
Schaue ich mir beispielsweise YouTube oder last.fm an, erkenne ich für mich persönlich einen hohen Nutzen – Musikvideos bei dem einen, Musikstream bei dem anderen Dienst – und die rudimentären Profile sind genauso schlicht wie ausreichend für den Zweck und genau da sollte MySpace ansetzen. Eine Community, die den Musik- und Video-Content ganz oben auf der Agenda hat und welche den von uns Usern generierten Content hinten anstellt. Ich könnte mir vorstellen, dass es so – und auch nur so – funktionieren kann und sollte sich das alles in eine solche oder zumindest ähnliche Richtung entwickeln, werde ich auch weiterhin treu meinen Account bei MySpace hegen und pflegen ;)




