zweipunktnull.org

03 Aug, 2009

Unter vier Augen: [:SITD:] lassen ihre Fans Rot sehen

Posted by: Casi In: Musik|Unter vier Augen

Share

Heute verfasse ich mal ein eher untypisches Posting und aus diesem Anlass rufe ich eine neue Kategorie ins Leben. Ich nenne sie "Unter vier Augen" und in dieser Reihe werde ich Menschen interviewen, die mir hier im Netz über den Weg laufen und mal mehr und mal weniger mit der digitalen Welt zu tun haben, über die ich hier sonst tagtäglich schreibe.

Zum Auftakt habe ich mir ein paar besondere Menschen ausgesucht, die ich privat sehr schätze, und deren Musik mich schon seit einigen Jahren begleitet. Es sind Thomas ‘Tom’ Lesczenski und Carsten ‘Casi’ Jacek von der Dark-Electro-Band [:SITD:]. In Szenekreisen sind sie ein echtes Schwergewicht und ihre Club-Hits füllen spielend die Tanzflächen jeder schwarzen Disco – und das nicht nur hierzulande.

Da ich hier schon öfters auf die innovativen Ideen eines Trent Reznor hingewiesen habe, der mitunter seine Musik sogar verschenkt, war es für mich besonders interessant, mit Musikern zu sprechen, die nicht über den Status und die riesige Fanbase der Nine Inch Nails verfügen und somit eventuell eine ganz andere Sicht auf die Lage im Musikbusiness haben könnten. Auf meinem Blog, bei netzwertig und an vielen anderen Orten im Netz wird viel darüber diskutiert, welchen Wert Musik hat, wie altertümlich die Institution "GEMA" ist und vieles mehr, was sich mit einer dahinsiechenden Musik-Industrie auseinandersetzt – heute möchte ich mit der Hilfe von Tom und Casi einen Blick hinter die Kulissen werfen, einen Blick aus den Augen einer der eher kleineren Bands.

zweipunktnull: Hallo Tom, Hallo Casi – schön, dass Ihr Euch die Zeit für meine Fragen genommen habt 

Carsten, Tom: Hallo Casi 

 

zweipunktnull: Als Erstes direkt eine Frage zu Eurem aktuellen Schaffen: Ihr arbeitet an Eurem neuen Album – wie kommt Ihr voran und ab wann gibt es was auf die Ohren? 

Tom: Wir befinden uns gerade im Endspurt, d.h. bis Ende Juli muss das Album fertig gemastert bei Accession Records auf dem Tisch liegen, damit wir den Veröffentlichungstermin am 23. Oktober halten können. So wie es aussieht, bewegen wir uns voll im Zeitplan und es läuft alles darauf hinaus, dass unser Album “ROT“ pünktlich vor dem Start unserer Tour erscheint. 

 

zweipunktnull: Ihr blickt auf drei erfolgreiche und sehr unterschiedliche Alben zurück, die dennoch immer so typisch [:SITD:] waren, dass man jeden Track sofort unter den anderen Genre-Vertretern raushören konnte. Wo geht die Reise hin mit den neuen Stücken? Versucht Ihr etwas komplett anderes, vielleicht auch noch unter dem Einfluss Eurer sehr erfolgreichen US-Tour im letzten Jahr? 

Carsten: Wir freuen uns, dass Du das so empfindest. Ein Wiedererkennungswert und die gleichzeitige Weiterentwicklung der eigenen musikalischen Identität ist sicherlich das, was wir anstreben.  Der Satz ’Das ist das beste Album, das wir bislang gemacht haben’, wird häufig überstrapaziert. Wir haben ihn noch nie benutzt, aber diesmal würde er uns leicht über die Lippen gehen. Wir sind von “ROT“ absolut überzeugt und hoffen, dass unser Publikum das genauso empfinden wird.  “ROT“ wird härter, schneller und aggressiver klingen als “Bestie: Mensch“, das wir als nachdenkliches, atmosphärisch dichtes und tiefes Werk geschätzt haben und das unsere Befindlichkeiten vor zwei Jahren genau widerspiegelte. Diesmal stehen die Emotionen auf “Angriff“ und “ROT“ ist das passende Ventil, um diesem Gefühl der inneren Wut Ausdruck zu verleihen. Wir haben in den letzten zwei Jahren viel erlebt und insbesondere die zwei Monate, die wir in den USA auf Tour waren, waren eine prägende Erfahrung und ein unvergessliches Erlebnis. Selbstverständlich findet das auf der textlichen Ebene eine entsprechende Würdigung. Musikalisch waren wir noch nie vom nordamerikanischen Electro geprägt und das wird auch diesmal nicht so sein. Unsere Musik hat europäische Wurzeln. 

 

zweipunktnull: Wie nehmt Ihr Eure Fans im Internet wahr? Lest Ihr, wie man über Euch spricht in den einschlägigen Musikforen und Social Networks wie MySpace und Facebook? Wie wichtig ist es Euch, mit Eurer Musik bei MySpace und Co vertreten zu sein? 

Tom: Sofern es unsere Zeit zulässt, verfolgen wir die Internetmedien. In den letzten Wochen und Monaten ist das aufgrund der zeitaufwendigen Studioarbeit weniger der Fall, aber grundsätzlich sind die einschlägigen Musikforen und Social Networks ein interessantes Kommunikationsmittel, um dem eigenen Publikum nahe zu sein, Inspirationen und Anregungen aufzunehmen oder sich einfach nur auszutauschen.

 

 zweipunktnull: Interagiert Ihr selbst dort mit Euren Anhängern oder habt Ihr jemanden, der für Euch beispielsweise den MySpace-Account pflegt? 

Tom: Sowohl um die Inhalte unserer Webpräsenzen auf www.sitd.de und www.myspace.com/xsitdx  kümmern wir uns selbst, als auch um die Bereiche der Korrespondenz und Kommunikation, nur für die technischen und gestalterischen Arbeiten greifen wir auf unsere Webmaster zurück. Damit wären wir ein wenig überfordert. An dieser Stelle seien Andy und Holger namentlich erwähnt und ebenso herzlich gedankt, die uns seit Jahren tatkräftig zur Seite stehen. Leider fiel das Fan-Forum einer Hackerattacke zum Opfer, aber Holger arbeitet bereits an einer Nachfolgeplattform, die voraussichtlich zum neuen Album unter www.sitd-fan-machinery.com online gehen wird. Auch dort werden wir selbst als User aktiv sein.   

 

zweipunktnull: Derzeit streiten sich YouTube und die Gema. Wie steht Ihr dazu und wie seht Ihr generell die kostenlosen Angebote von YouTube? Sind sie eher kontraproduktiv für Eure Existenz als Band oder ist es vielleicht sogar werbetechnisch ein Multiplikator, dort präsent zu sein? 

Carsten: YouTube steigert sicherlich den Bekanntheitsgrad einer Band, insbesondere im elektronischen Alternativbereich, der in der Regel von  MTV oder VIVA gänzlich ignoriert wird. Wenn man als Fan neue Musik durch YouTube kennen lernt und sich dadurch bewogen fühlt, die Tonträger der Künstler zu kaufen oder Konzerte zu besuchen, dann ist das zweifelsohne eine wunderbare Sache. Ich habe persönlich schon viele Bands für mich als Musikfan entdecken können, die ich ohne YouTube nicht kennen gelernt hätte und letztlich habe ich mir dann die Platte gekauft oder bin zum Konzert gegangen. Wir als Band haben durch die “Herr der Ringe“-Persiflage “Lord Of The Weed“, die unter anderem auf unseren Song “Snuff Machinery“ als musikalische Untermalung zurückgreift, sehr profitiert. Wir wissen, dass viele spätere Fans dadurch zum ersten Mal mit [:SITD:] in Berührung gekommen sind. All das ist natürlich klasse. Dass YouTube aber auch dazu missbraucht wird, um ausschließlich Musik zu sharen, ist die Kehrseite der Medaille. Wir verfolgen die Auseinandersetzung zwischen der GEMA und YouTube mit Interesse und sind selbst gespannt, was dabei herauskommen wird. Aufgrund der angesprochenen Vor- und Nachteile sehen wir das Ganze gespalten und bislang ist es nicht absehbar, was das für Konsequenzen für alle Beteiligten nach sich ziehen wird.  

zweipunktnull: Der meistgeklickte Clip von VNV Nation ist kein Original-Video, sondern ein computeranimierter Film, der mit dem VNV-Song "Illusion" unterlegt ist. Auch von  Euch gibt es solche Fan-Videos, in denen Eure Musik in einen anderen Kontext gebracht wird. Kennt Ihr diese Videos und wenn ja, was haltet Ihr davon? 

Tom: Die Videos sind zum Teil großartig. Wenn ein Fan seiner kreativen Ader freien Lauf lässt, seine Zeit opfert und künstlerisch hochwertige Clips anfertigt, dann sehen wir das als Sympathiebekundung und Anerkennung. Das macht man ja schließlich nur, wenn einem die Musik und die Band etwas bedeutet. Wir sind teilweise selbst überrascht und begeistert, was für Ergebnisse dabei herauskommen. 

 

zweipunktnull: Viele Künstler und Labels leiden unter illegalen Downloads und müssen von Album zu Album schauen und abwägen, ob das weitere Veröffentlichen von Musik überhaupt noch im Verhältnis zur eingesetzten Zeit, Energie und auch den Produktionskosten steht. Fühlt Ihr Euch durch diese Downloads auch bandtechnisch in Eurer Existenz bedroht? 

Carsten: Kurze und knappe Antwort JA. Für eine Band wie [:SITD:] ist das existenzbedrohend. Wenn niemand mehr die CD’s kauft und nur noch illegal heruntergeladen wird, dann können wir als Band nicht mehr unsere Produktionskosten decken und in letzter Konsequenz nicht mehr professionelle Musik machen, die unseren produktionstechnischen Qualitätsmaßstäben und denen der Hörer genügt. Wir konnten mit unserem letzten Album “Bestie: Mensch“ zum Glück die Verkaufszahlen unseres Vorgängeralbums “Coded Message: 12“ halten, was in der heutigen Zeit in unserer Szene leider viel zu selten vorkommt. Sollte uns das diesmal mit “ROT“ nicht wieder gelingen, dann steht auch die Zukunft für uns als Band auf dem Spiel. Mehr als all unser Herzblut in unsere Songs zu stecken und auch live jeden Abend emotional und körperlich bis ans Limit zu gehen, können wir leider nicht. Wir sind froh und dankbar, dass unser Publikum bislang jeden Schritt mit uns gegangen ist und wir hoffen, dass es uns auch über die Hürde des vierten Albums tragen wird.        

 

zweipunktnull: Kreative Menschen wie NIN-Mastermind Trent Reznor gehen komplett neue Wege, entwickeln neue Vertriebs- und Verdienstmodelle und zudem ruft er andere Musiker dazu auf, sich nicht mehr von der Musikindustrie an starre Verträge knebeln zu lassen. Überlegt Ihr auch in solche Richtungen, oder funktioniert der "klassische" Weg für Euch weiterhin wie bisher?

Tom: Was für einen Megaseller wie NIN gut ist, muss noch lange nicht für Bands gut sein, die ums reine Überleben kämpfen. Ich will nicht wissen, was für eine Beraterstab-, Management- und Marketingmaschinerie hinter Bands in dieser Größenordnung stecken. Da lässt sich vieles realisieren, was einfach unmöglich ist, wenn man mehr oder weniger alles alleine macht. Wenn wir die gleichen Voraussetzungen hätten wie NIN, dann könnte man über so was diskutieren, aber wir müssen damit leben, was wir haben und damit sind wir in der Vergangenheit gut gefahren. Auch weil unser Umfeld – sprich Adrian Hates von unserem Label Accession Records, Peddy Sadighi von unserer Booking-Agentur neuwerk und unser Vertrieb Indigo – sich genauso reinhängen wie wir und einen verdammt guten Job machen. Wenn das irgendwann nicht mehr reicht und der Plattenmarkt eingedenk der massiven Piraterie so kaputt ist, dass wir trotz unserer gemeinsamen Anstrengungen, nicht mehr davon leben können, dann müssen wir eben die Konsequenzen daraus ziehen. 

 

zweipunktnull: Es gibt – gerade im Internet – viele Verfechter einer sogenannten Kultur-Flatrate. Man bezahlt pauschal einen Betrag X monatlich und kann dafür kostenlos beispielsweise auf Musik im Netz zugreifen. Bekommt Ihr von diesen Überlegungen was mit und was haltet Ihr davon? Kann sowas funktionieren oder züchtet man auf diese Weise ein weiteres Monstrum heran in bester GEMA- und GEZ-Tradition? 

Tom: Davon haben wir bislang noch nichts gehört. 

 

zweipunktnull: Noch andere Personen – ich gehöre u.a. dazu – glauben, dass weder der alte, konservative Vertrieb der Musik noch die Kulturflatrate der richtige Weg sind. Stattdessen wünscht man sich gestaffelte Modelle, die beispielsweise die nackten Songs eines Albums als kostenlose Downloads vorsehen und – ähnlich wie es die Nin inch nails oder Radiohead vormachen, ihre Erlöse durch klare Mehrwerte für die Fans generieren. Mehrwerte wie exklusive Bonus-Tracks, exklusive Konzert- oder MeetandGreet-Tickets, hochwertige CD/DVD-Boxen etc. Könnt Ihr Euch mit diesen Modellen anfreunden oder würden sie für [:SITD:] nicht funktionieren? 

Tom: Wir werden auch diesmal eine hochwertige Limited Edition als Alternative zur preisgünstigeren, regulären Edition des Albums “ROT“ anbieten. Die Limited Edition wird neben einer Bonus-CD mit zusätzlichen Tracks und Remixen auch mit einem umfangreichen Booklet aufwarten, das Einiges zu bieten haben wird. User.dx, mit dem wir seit unserer ersten Veröffentlichung, der Snuff E.P., als Graphiker und Artworkdesigner zusammen arbeiten, hat sich zusammen mit Adrian Hates und uns einige Schmankerl ausgedacht, auf die man gespannt sein und sich sehr freuen darf. Auch hier versuchen wir gemeinsam das Maximum herauszuholen. Die nackten Songs eines Albums als kostenlosen Download zur Verfügung zu stellen, können wir uns nicht vorstellen. Wir können nicht einerseits besonderes viel Wert auf die Produktion, Artwork, Bonusmaterial etc. legen und andererseits unsere Songs verschenken. Das ist bei den finanziellen Aufwendungen, die dafür von Nöten sind, nicht tragbar. Wir können nur versuchen Qualität in sämtlichen Bereichen zu liefern und müssen darauf hoffen, dass es noch genügend Menschen gibt, die das mit ihrer Unterstützung durch Plattenkäufe zu würdigen wissen.

 

zweipunktnull: Vielen Dank, dass Ihr so ausführlich Stellung genommen habt. Ich wünsche Euch jedenfalls viel Erfolg bei dem Album-Release und natürlich auch bei der Tour, auf der wir uns mit Sicherheit sehen werden 

Tom, Carsten: Wir haben zu danken 

 

Wie schon erwähnt, erscheint das vierte Album von [:SITD:] am 23.Oktober und wird "Rot" heißen. Hier die bislang bestätigten Tourdaten:

 

Neuwerk Music Management & Sonic Seducer präsentieren:
[:SITD:] “ROT“-TOUR 2009
Special Guests: Reaper & Amnistia

  • 30.10.2009 NL – Amstelveen – P60 *
  • 06.11.2009 D – Berlin - K 17 *
  • 07.11.2009 D – Hamburg - KIR *
  • 13.11.2009 UK – Sheffield - Corporation *
  • 14.11.2009 UK – London - Elektrowerkz *
  • 19.11.2009 D – Frankfurt - Nachtleben *
  • 20.11.2009 D – Leipzig - Lagerhof *
  • 21.11.2009 D – Bochum - Matrix *
  • 25.11.2009 D – Ludwigsburg - Rockfabrik **
  • 28.11.2009 CH – Aarau - Kiff ***
  • 04.12.2009 D – Dresden - Beatpol *
  • 05.12.2009 D – Bremen - Aladin *

* mit Reaper & Amnistia / ** mit Reaper / *** mit Rotersand

 

blog comments powered by Disqus

Follow me

Follow Me!

Facebook

Google Friend Connect