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08 Sep, 2009

Na endlich: Das Internet-Manifest

Posted by: Casi In: Blogs| Media| zweipunktnull

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Ich bin gestern im Netz öfters über das Schlagwort "Internet-Manifest" gestolpert und habe mir fest vorgenommen, mich heute damit zu beschäftigen – und habe mich darauf gefreut. Ersteres tue ich hiermit gerade, letzteres ist mir ehrlich gesagt ein klein wenig vergangen.

Worum es geht? Ein paar – auch von mir – sehr geschätzte Bloggerkollegen haben ein Internet-Manifest ins Netz gestellt. Darin soll mit einigen Un- bis Halbwahrheiten über "dieses" Internet aufgeräumt werden, und so hat man 17 Thesen aufgestellt, die das wirkliche Internet umreißen sollen.

Blogger-Prominenz wie z.B. Markus Beckedahl, Johnny Haeusler, Sascha Lobo und Stefan Niggemeier haben Sätze wie "Tradition ist kein Geschäftsmodell" durch wohl durchdachte Formulierungen mit Leben gefüllt und sich dafür eigens die Domain internet-manifest.de gesichert.

Tja, wie näher ich mich jetzt dem Thema, ohne den geschätzten Kollegen zu sehr auf die Füße zu treten? Zunächst mal kann man in der Tat die Masse der gemachten Statements bzw "Behauptungen" blind unterschreiben, weil es einfach Dinge sind, die richtig und wichtig sind und die bei zu vielen Menschen leider noch nicht angekommen sind.

Ich überspringe jetzt den ich-setze-mich-mit-jeder-These-einzeln-auseinander-Teil und komme zu meiner Kritik. Vorher möchte ich noch erklären, dass ich für mich in Anspruch nehme, weder ein notorischer Ja-Sager und Schulterklopfer zu sein, noch pauschal den nörgelnden Blogger-Troll zu geben, der einfach nur dagegen ist, weil es ihm Spaß macht, dagegen zu sein. Ich glaube, ich befinde mich in der gesunden Mitte und wäge in jedem Fall für mich persönlich ab, wie ich zu irgendwelchen Dingen stehe. Wenn ich Blogger X schätze, kann ich trotzdem Dinge missbilligen, die er tut, und wenn Blogger Y für mich ein Penner ist, bekommt er dennoch Anerkennung von mir, wenn mir einer seiner Artikel oder Standpunkte gefällt. Heute habe ich es eher mit Blogger X zu tun, wie mir scheint, denn einige Dinge an dem Manifest sagen mir nicht so richtig zu. 

Zunächst mal werde ich dieses Gefühl nicht los, dass sich die beteiligten Personen für irgendwie auserwählt halten bzw berufen fühlen, für die ganze Welt das Internet zu erklären. Dieses Unwohlsein, von weit oben die Gebote der Bloggötter auf mich herunterregnen zu lassen, will auch nicht so recht vergehen bislang. Ich hab keinen Schimmer, wer die Idee zu dem Manifest hatte und wie seine Erstellung von statten ging, aber mein paranoides Hirn vernimmt zwischen den Zeilen immer Sätze wie "Wer soll es aufschreiben, wenn nicht wir?"

Wenn ich aber im Manifest eine Passage wie 

Das Internet macht es möglich, direkt mit den Menschen zu kommunizieren, die man einst Leser, Zuhörer oder Zuschauer nannte – und ihr Wissen zu nutzen. Nicht der besserwissende, sondern der kommunizierende und hinterfragende Journalist ist gefragt.

lese, frage ich mich schon, wieso das Manifest nicht im Verbund mit allen interessierten Bloggern erarbeitet wurde, sondern das gesamte deutschsprachige Internet (minus fünfzehn Blogger) vor vollendete Tatsachen gestellt wird.

Inhaltlich stört mich im wesentlichen, dass es sich hier nicht im geringsten um ein Internet- sondern um ein Neuer-Journalismus-Manifest handelt, denn es geht in allen Punkten lediglich um Journalismus, alte Medien vs neue Medien und dem verzweifelten Festklammern der traditionellen Medien, um ehemaligen Glanz nicht ganz verblassen zu lassen. Das Internet ist aber doch wesentlich mehr als Burda vs Google. Facebook, Ebay, World of warcraft, Singlebörsen und Online-Banking gehören ebenso zu dem Internet, wie ich es wahrnehme – kommt aber im Manifest so nicht vor.

Wenn ich mich aber schon auf lediglich eine einzige Facette stürze, sollte mir dann aber auch die Quadratur des Kreises gelingen: Einen Weg aufzeigen, der den Fortbestand von Qualitätsjournalismus sichert. Wer erklärt, dass Content – in Wort, Bild oder Ton – über kurz oder lang kostenlos im Netz verfügbar sein wird, rennt bei mir offene Türen ein. Aber von einem "Manifest" erwarte ich irgendwie mehr – einen Ansatz, der über werbefinanzierte Angebote hinausgeht. In dieser Form hat man das bereits vor über einem Jahrzehnt besser und gründlicher ausgearbeitet vorfinden können.

Unter dem Strich bleiben für mich 17 Thesen, die durchaus gut formuliert sind, aber jedem internetaffinen Menschen eher wie dutzendfach gelesen und selbst bereits so empfunden vorkommen müssen. Die klassischen Verlage und alles andere außerhalb unserer kleinen, süßen Nerd-Blase wird entweder müde mit den Schultern zucken, oder – noch schlimmer – nie von einem Internet-Manifest erfahren. Dazu kommt ein fader Beigeschmack, weil ich die Medienschelte eines Bloggers durchaus skeptisch betrachte, wenn er selbst für die vielgescholtenen alten Medien (ZDF, Handelsblatt, FAZ,…) arbeitet.

Fast scheint es so, als reicht den Autoren die Aussicht, es mit diesem "Papier" kurzfristig in die tote-Holz-Gazetten des Landes zu schaffen und sich somit ihr eigenes Denkmal im Blogger-Olymp zu setzen. Die Idee ist absolut lobenswert im Ansatz, aber die Umsetzung erscheint mir eine verpasste Chance zu sein, und so werde ich vermutlich nicht der letzte sein, der dem Manifest kritischer gegenübersteht.

Ebenfalls zum Thema:

Carta.info

Julia Seeliger in der TAZ

Indiskretion Ehrensache

 

  • TheReincarnator
    Sehr schön auf den Punkt gebracht.
    +1
  • Ich bin ehrlich, ich habe mir das Manifest nicht durch gelesen. Klar ist, es ist eine Richtlinie und kein Gesetz. Daher fühle ich mich auch nicht unbedingt verbunden diese Richtwerte in meine Schreibweise ein zu gliedern. Nun ich bin wie auch du kein Nörgler. Für mich persönlich stand es nur noch nicht zur Frage das Internet geordneter zu haben.
    Vielleicht werde ich s mir in den nächsten tagen durchlesen und ich werde bestimmt vielen Punkten zustimmen.
  • Ich wollte das Internet-Manifest ja auch noch kommentieren!
    Dazu müsste ich es aber mal lesen!
    Gibt´s das auch schon als Hörbuch, oder als Kinofilm? ;) #kommerz
  • Für mich der Knaller: "Das Internet ist die Gesellschaft ist das Internet"

    ...wenn dem so wäre, dann würde es doch keine Piratenpartei geben, wa? Die Gesellschaft ist nicht das Internet und nur ein kleiner Teil von ihr bewegt sich heute so durchs Netz, wie wir das machen. Das muss ja nicht heißen, dass das immer so bleiben wird - aber wer heute so eine These aufstellt, der schießt nicht nur knapp an der Realität vorbei.

    Auch sonst ist das Ganze für mich eher eine Zusammenfassung von eh schon bekannten Punkten, und wie du schon ansprichst: wieso wird das von 15 einfach so in den Raum geworfen? Bin ich, nur weil mein Blog keinen Gewinn abwirft, oder nicht genügend Besucher hat, plötzlich kein Teil dieser Internetgesellschaft mehr?
  • Internet-Manifest, was für ein Schwachsinn. Du hast es gut auf den Punkt gebracht. Ich gehe sogar noch ein Stück weiter und sage, das Niemand irgendjemanden braucht der einem erklärt oder vorschreibt wie toll das Internet doch ist. Das Internet ist so vielfältig wie die Menschen die es nutzen. Es gibt kein "richtig" oder "falsch" und dieses hochnäsige Rumgepfurze der vermeintlichen Blogger-Elite geht mir sowieso einfach nur noch auf die Nerven.
  • Das Manifest hat mit Sicherheit ne Menge Arbeit gemacht aber animiert nicht gerade es bis zu Ende zu lesen.

    @web2marketing: Als Hörbuchsprecher müsste da schon etwas ganz besonderer ran, fällt mir aber im Mom keiner ein.

    Lediglich "Die Freiheit des Internet ist unantastbar." fand ich als Auspruch sehr interessant auch wenn es sowieso ein logischer Grundsatz ist.

    Viel weiter hab ich dann auch nicht gelesen, um die Zeit bin ich noch zu faul ;-)
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