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12 Nov, 2009

Chronologie der Ereignisse

Posted by: Casi In: Media|Microblogs|Social Networks

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Manchmal bin ich echt eine Traffic-Schlampe und stürze mich besonders gerne auf brandheiße Themen, um mit meinen Ansichten am Start zu sein, bevor es jeder andere verbloggt hat. Dieses Mal – und damit meine ich die Geschehnisse um Robert Enke vorgestern – habe ich das nicht getan. Zum einen passt ein Fußballtorwart ungeachtet seiner sportlichen und menschlichen Qualitäten nicht zwingend in das thematische Gewand meines Blogs hier und zum anderen war ich nicht der Meinung, was dazu sagen zu können, was ich nicht seit dem Bekanntwerden der grausigen Nachricht bereits hundertfach gelesen habe. 

Wie schon beim Tod von Michael Jackson konnte man im Internet auch in diesem Fall eine immer wiederkehrende Chronologie der Ereignisse beobachten, ebenso wie bei anderen Breaking News – speziell, wenn es sich um unschöne Dinge handelt: Der Tod eines Promis fällt in diese Kategorie ebenso wie Naturkatastrophen oder politische Krisensituationen wie beispielsweise im Iran oder in China.

Am Anfang steht die nackte Nachricht. Irgendeine Quelle muss schließlich der Ursprung sein und die verbreitet sich zunächst einmal über Twitter, Facebook und Co in dieser noch ursprünglichen Form. Meistens ist es ein Retweet, der außer dem eigentlichen Tweet vielleicht noch ein, zwei persönliche, wertende Worte enthält.

Am Beispiel Robert Enke hat man wieder mal feststellen können, was für eine unglaubliche Dynamik sich in Windeseile entwickelt. Innerhalb weniger Minuten hat in meiner Timeline jeder entweder einen Tweet zum Thema abgeschickt – oder die Nachricht zumindest registriert. Auf diese Weise war quasi mein ganzes Twitter-Netzwerk informiert, bevor man bei n-tv oder n24 einen Beitrag zum Thema finden konnte.

Nun ist ein Todesfall nicht gerade der richtige Anlass, ein Instrument wie Twitter zu feiern und dass bringt mich zum nächsten Schritt: Fast so schnell, wie sich die Nachricht an sich verbreitet, finden sich auch immer mehr konträre Meinungen. Leute, die sich daran stoßen, dass man quasi wegen eines wildfremden Menschen trauert oder dessen Angehörigen Beileid wünscht oder die es schlicht nervt, dass man mit dieser Nachricht alle Kanäle verstopft.

An diesem Punkt habe ich ein kleines Verständnisproblem, glaube ich. Wieso soll es verwerflich sein, mit der Familie mitzutrauern oder wieso darf mich das nicht berühren? Das Thema wird um einige sehr richtige Facetten erweitert, wenn man beispielsweise auf einen Lokführer hinweist, der vorgestern sicher auch nicht den besten Tag seines Lebens hatte, indem er unverschuldet in dieses Drama hinein geriet. Aber wenn einem vorgeworfen wird, dass man Anteil nimmt und das bei allen anderen Selbstmördern nicht getan hat, dann fehlt mir dafür das Verständnis. Es gibt nur zwei Kategorien von Menschen: Menschen, die ich kenne und solche, die ich nicht kenne. Natürlich nehme ich keinen Anteil am Tod eines Menschen, der mir nicht bekannt ist – wie auch, wenn ich nichts von seiner Existenz weiß. Aber wenn es ein Mensch aus meinem persönlichen Umfeld ist oder zumindest eine Person des öffentlichen Lebens – erst recht, wenn man sie schätzte – dann finde ich Anteilnahme durchaus legitim.

Vermutlich reagiert da jeder anders und vermutlich berühren mich solche Dinge mehr, seitdem ich mich mehr damit auseinandersetzen musste. Jemanden – oder jeden – bei Twitter wegen seiner Anteilnahme zusammenzunageln halte ich jedenfalls für übertrieben.

Zeitgleich mit diesen konträren Meinungen startet auch die erste Welle von "lustigen" Tweets. Man möchte um jeden Preis irgendeinen makaberen Spruch loswerden – auch da fehlt mir das Verständnis. Entspricht halt nicht meinem Verständnis von Spaß oder Humor. Bei Enke lief das noch ziemlich gesittet ab, bei Michael Jackson hingegen artete das ziemlich aus. Netiquette und Anstand rücken scheinbar bei manchen in den Hintergrund, wenn die theoretische Möglichkeit besteht, sich mit einem gelungenen Tweet unsterblich zu machen.

Bislang sind wir in unserer Chronologie noch nicht sehr weit. In den meisten Fällen haben wir noch nicht sehr viel Hintergrundwissen zu den Geschehnissen, nur die Nachricht als solche. Diese Tatsache, dass die Nachricht um die Welt geht, bevor man gründlich recherchieren und reflektieren kann, was da gerade passiert, hat dafür gesorgt, dass Twitter in diesen Punkten – gerade in den klassischen Medien – einen eher zweifelhaften Ruf genießt. Im Fall Enke konnte man sich auf eine dpa-Meldung berufen, oftmals sind es aber Augenzeugenberichte, Blog-Artikel, etc.

Der nächste Schritt sind also ausführlichere und mit mehr Informationsgehalt versehene Quellen, die natürlich ebenso schnell die Runde machen wie die News an sich. Auch die ersten Blogger melden sich zu Wort. Genau wie klassische Vertreter der Medien (Spiegel, Stern, bild.de, etc) stürzen sich natürlich auch wir Blogger auf ein solches Thema. Vielleicht interessiert es einen wirklich, vielleicht fühlt man sich seinen Lesern gegenüber verpflichtet, weil man glaubt, dass die ein großes Interesse daran haben – oder man will einfach den Buzz mitnehmen. 

Ich möchte mich nicht davon ausnehmen, wie ich eingangs schon erwähnte, aber ich nehme für mich in Anspruch, außer der reinen Nachricht noch einen Mehrwert für die Leser mit in den Artikel zu packen. Vielleicht ist meine Meinung zum Thema nicht für jeden Leser wirklich mehrwertig, aber ich denke, dass man erkennen kann, dass man sich Gedanken gemacht hat zu dem, was man niedergeschrieben hat. Schlimm wird es, wenn man sich – ohne jeglichen Bezug zum Thema – auf diesen Sensations-Zug aufschwingt und sich in Windeseile alles zusammen kopiert, was man auftreiben kann. Mein persönliches Highlight diesbezüglich war vorgestern ein Blog-Artikel, der lediglich aus dem kompletten (!) Wikipedia-Eintrag zum Thema Robert Enke bestand, ergänzt um die Information, dass er sich umgebracht hat. Ehrlich Leute, da fehlen mir gleichermaßen Verständnis und die Worte. Da das hier kein virtueller Pranger ist, erspare ich Euch den Link zu besagtem Artikel.

Ist die Nachricht erst einmal um die Welt gegangen, rotten sich die Internetnutzer in Gemeinschaften zusammen. Die Trauergruppe bei meinVZ ist mittlerweile über 75.000 Mann stark und auch in den anderen Social Networks finden sich die Mitglieder in solchen Gruppen zusammen. Mir persönlich bringt die Mitgliedschaft in einer solchen Gruppe absolut nichts, aber verwerflich ist es natürlich nicht. Für Fans, die ihrem Idol natürlich viel näher standen als ich, kann es jedenfalls ein Kanal sein, um mit den Ereignissen besser zurechtzukommen. 

Diese Chronologie bezieht sich natürlich auf den tragischen Tod des Nationaltorhüters, aber das Prinzip ist bei diesen "bad news" wohl immer das Gleiche. Es wird immer das schnelle Austauschen der Nachricht geben, immer Anteilnahme und Leidensgenossen, immer Spaßvögel und Lästermäuler und eine Solidarisierung mit Hinterbliebenen, Unterdrückten, Opfern etc. 

Den Artikel hier habe ich zugebenermaßen mehr für mich geschrieben als für Euch. Ich hätte vorgestern auf viel zu viele Tweets antworten und reagieren müssen, die mich im Zusammenhang mit der Nachricht von Enkes Tod echt genervt haben. Mir fehlte aber irgendwie die Muße, jedem einzelnen zu erzählen, dass ich seinen pietätlosen Tweet nicht witzig fand, oder dass ich mir nicht blöd vorkomme, wenn mich der Tod eines eigentlich Fremden berührt. Ebenso kann ich niemandem übelnehmen, dass er eine solche Nachricht weiter verbreitet und daher verstehe ich auch die Tweets nicht, die dieses Vorgehen kritisieren. 

Ich mag die Dynamik von Twitter, Facebook und Co, das sollte ja bekannt sein. Einige Facetten hingegen gefallen mir nicht so besonders, aber mit denen muss man wohl genau so klarkommen wie mit den Vorzügen dieser Technik.

Wie sieht das bei Euch aus? Geht sowas komplett an Euch vorbei, wenn Euch ein solches Thema nicht direkt betrifft? Nerven Euch diese Berge von Tweets mit den immer gleichen Links? Meidet Ihr vielleicht sogar Twitter in solchen Stunden?

  • soeren1707
    Sehr gelungener Beitrag.

    Mir als Fußball-Fan stocke erstmal der Atem als ich von der Nachricht erfuhr. Und ich habe auch volles Mitgefühl für alle Betroffenen, obwohl ich Robert Enke nicht kannte, bzw. genauso kannte wie du ihn kanntest.

    Ich finde es gut, dass du das hier mal ansprichst, wie viele Idioten es gibt, die hoffen mit einem dummen Spruch ein wenig Aufmerksamkeit zu bekommen!!!

    Ich wünsche mir, dass die ganze Thematik aber auch bald ein Ende hat, so dass seine Frau und die Familie ihre Ruhe haben!
  • Danke, dass Du Dich durch einen meiner längeren Artikel gequält hast ;) Aber im Ernst: Danke für das Lob und schön, dass Du das genauso siehst wie ich. Die mögliche Aufmerksamkeit verleitet wohl so manchen zu Äußerungen, die man wohl im "wirklichen" Leben niemals so machen würde. Ich fürchte nur, dass dieses Thema nicht so schnell zu den Akten gelegt wird. Es ist ja ein wahrer Boom entstanden seit letztem Dienstag - jeder (egal ob TV-Show oder Zeitung) diskutiert über das Krankheitsbild "Depression" und darüber, wie schwer es für Profi-Fußballer ist, sich als psychisch krank oder auch homosexuell zu outen... Denke, das wird uns noch eine Weile verfolgen...
  • zoni
    Ich werde naechste Woche ganz altmodisch und analog bei meiner Fortuna im Stadion stehen und sicherlich einen Klos im Hals haben bei der Trauerminute fuer Robert. Mir geht das unwahrscheinlich Nahe, als Mensch aber auch als Fussballfan. Aber vielleicht koennen die "Neuen Medien" auch helfen, gerade durch Ihre Anonymitaet - depressiven Menschen zu helfen.
    Wie auch immer - you never walk Alone - damit meine ich nicht nur Robert sondern alle die keinen Ausweg mehr sehen. Trefft Euch im Netz, im realen Leben oder wo auch immer aber gebt nicht auf, es gibt immer mindestens einen Menschen der Euch liebt, auch wenn man es oft nicht sieht... In diesem Sinne, fuer ein reales Leben, in dem die virtuelle Welt vielleicht ein bisschen Halt bieten kann....
  • sehr schöner Kommentar - danke, Patrick :)
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