Na das war ein Schock für uns Digital Natives: Von Kurt Beck hat man ja irgendwie erhofft erwartet, dass er seinen eigenen Twitter-Account nicht selbst mit neuen Meldungen füttert, aber beim Präsidenten der Vereinigten Staaten und dem Kaiser der Herzen der weltweiten Web-Gemeinde – Barack Hussein Obama – hat es uns doch alle tief in unser digitales Herz getroffen.
Der Mensch, der dieses Jahr quasi schon mal als Präventivmaßnahme den Friedensnobelpreis erhalten hat, der wie kein Zweiter den Social Media-Gedanken in der Politik vorangebracht und gelebt hat, ausgerechnet der hat noch nicht einen einzigen kleinen Tweet abgesendet?
Die Bürger von Kleinbloggersdorf sind verstört und aufgebracht, drehen sich orientierungslos um sich selbst und schlagen verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammen. Erst erzählt man uns, dass Twitter plötzlich nicht mehr weiter wächst und jetzt soll der Ehrenvorsitzende unseres Twitter-Clubs noch nicht mal selbst twittern? Ich sehe schon die Twitter-Kritiker mit den Füßen scharren. Diejenigen, die es immer gewusst haben wollen, dass Twitter nur ein Hype ist, der nun seinen Zenit überschritten hat. Klar – Twitter stirbt, die Blogszene sowieso und die Erde ist eine Scheibe.
Wenn darüber geredet wird, wie Obama triumphal ins weiße Haus eingezogen ist, dann wird auch immer die schöne Geschichte erzählt, dass er wie kein Politiker vor ihm verstanden hat, die Massen im Internet auf seine Seite zu ziehen und gleichermaßen Spendengelder als auch Wählerstimmen zu generieren über die neuen Möglichkeiten, die uns das World Wide Web bietet. Und jetzt mal ehrlich: Meint ihr wirklich, er wäre heute nicht Präsident, wenn alle gewusst hätten, dass er schreiben lässt statt selbst in die Tasten zu hauen?
Ist es denn nicht eher so, dass er dank seines Teams exakt die richtigen Entscheidungen getroffen hat im Vorfeld? Die Homepage, das Videomaterial über YouTube, der Twitter-Account, die Facebook-Präsenz – das alles dient doch nicht dem Zweck, dass mein alter Facebook-Kumpel Barack lesen kann, auf welcher Party ich letzte Woche versackt bin oder welcher Astrid-Lindgren-Charakter ich sein könnte, sondern einzig dazu, seine Gedanken und Ansichten zu verbreiten. Einer möglichst breiten Masse zu erzählen, wie er es sich vorstellt, diese große Nation aus dem Schlammloch zu befreien, in welches George Bush junior die USA versenkt hat. Glaubt ihr, er hat auch in den McCain-Staaten deshalb gepunktet, weil die Einwohner dachten: "Junge, Junge – der kann tatsächlich selbst twittern"??
Vergesst es, Leute! Ich hoffe, dass die digitalen Einwohner nicht aus allen Wolken fallen werden, wenn herauskommen sollte, dass er am Ende noch nicht mal seine Homepage selbst programmiert hat. Man sollte sich lieber überlegen, was dabei heute herausgekommen ist, als er vor chinesischen Stunden in Shanghai – übrigens live via Facebook – über Twitter und dessen Nicht-Verfügbarkeit in China geredet hat:
Ich glaube sehr an die Technik, und ich glaube sehr an Offenheit, wenn es um den Fluss von Informationen geht. Ich glaube, je freier Informationen fließen, desto stärker wird eine Gesellschaft, weil die Bürger rund um die Welt ihre Regierung zur Verantwortung ziehen können.
So offen – quasi in der Höhle des Löwen – die Vorgehensweise der chinesischen Regierung in Sachen Internet zu kritisieren, das verdient jedenfalls einen Heidenrespekt und zeugt davon, dass dieser Mann die neuen Technologien und deren Funktionsweisen stärker verinnerlicht hat als so mancher deutscher Politiker, der vielleicht seine Tweets selbst tippt, aber ansonsten rund um die Uhr beweist, dass er weder Twitter noch das Internet begriffen hat.




