26 Nov, 2009
Alles2Null, YuccaTree, zweipunktnull: Wieder mal das Ende der deutschen Techblogs?
Posted by: Casi In: Blogs| zweipunktnull| zweipunktnull.org
Uwe Ramminger hat vorgelegt und sein Techblog Alles2Null verhökert. Wenngleich sein Blog nur mit ausgewählten Beiträgen hin und wieder mal ins große A-Blogger-Konzert reinschnuppern durfte, wird sowas natürlich in der Blogosphäre gleich als Signal wahrgenommen. Als Signal dafür, dass es der Blogger-Szene (mal wieder) richtig scheiße geht, speziell im Bereich der Techblogs.
Schon etwas vor Uwes Aktion habe ich mich hier schon zu Wort gemeldet und eine etwas andere Frequenz an Postings "angedroht". Obwohl ich erklärt habe, dass ich zum einen ein zusätzliches Engagement bei Basic Thinking vorzuweisen habe und darüber hinaus andere, private Gründe meine gewohnte Artikel-Dichte verhindern, wird mein Zurücknehmen bei zweipunktnull hier und da natürlich als weiteres Indiz der darbenden Tech-Szene gewertet.
Jüngstes Mitglied dieser Indizienkette ist nun das Projekt von Jürgen Vielmeier. Seinem YuccaTree scheinen auch die Blätter auszugehen, was weniger eine Folge des Herbstes zu sein scheint. Er beschreibt in seinem Artikel eindrucksvoll seine Gefühlswelt und in einigem darin finde ich mich durchaus wieder.
Es war ein Wettrennen, so viel war klar. Gegen wen, kann ich gar nicht einmal sicher sagen. Vielleicht einfach nur gegen die Uhr; aber so ein Rennen ist bekanntlich nicht zu gewinnen. Es gab eher Mitstreiter als Rivalen; Platz war eigentlich für alle da, und trotzdem war es wichtig, der Erste zu sein. Der Erste, der in Deutschland schrieb, dass Twitter eine neue Killerfunktion namens “Gruppen” hat, dass erste Screenshots von Facebooks geheimem neuen Design aufgetaucht sind…
Ich bin auch – immer noch – Teil dieses Wettrennens, und ehrlich gesagt bin ich das sehr gerne. Womit wir jetzt bei dem Teil der Story wären, in welchem ich erkläre, definitiv nicht der Bloggerei, der Tech-Szene oder wem auch immer den Rücken kehren zu wollen. Wie gesagt kann ich Jürgen schon ein wenig verstehen in dem, was er schreibt. Klar ist es toll, wenn man früh – oder möglichst sogar als erster hierzulande – über eine Entwicklung schreiben kann, weil es zahlentechnisch und vermutlich auch fürs Ego mehr Sinn macht, als wenn man als zwanzigster Blogger die gleiche TechCrunch-Story aufbereitet.
Andererseits jedoch muss man auch sehen, dass man als einzelner Blogger sowieso nicht gegen die Blogpost-Bombenteppiche von Mashable, TechCrunch und Co bestehen kann. Ich habe mich hier in meinem selbst gewählten Themenfeld bestens eingerichtet und das sieht für mich so aus, dass ich gerne schnell über die spannenden Entwicklungen der Szene berichte. Zusätzlich – und das ist eigentlich mein Anspruch an jeden guten Artikel – möchte ich aber auch einen Mehrwert anbieten können in meinem Beitrag und der besteht sicher nicht darin, einen Mashable-Artikel in unsere Sprache zu übersetzen und wiederzukäuen.
Der Mehrwert, den ich euch bieten möchte, kann darin bestehen, dass ich euch ein paar Links zum Thema präsentiere, die über die Quelle TechCrunch hinausgehen und somit vielleicht auch ein paar andere Sichtweisen zu einer Entwicklung aufzeigen. Viel mehr möchte ich aber immer auch meine persönliche Sicht schildern, Entwicklungen lieber kommentieren als simpel Pressetexte runterbeten. Mir bringt es nichts, wenn Caschy in seinen Artikeln lediglich erzählen würde, dass es jetzt das Tool X von Hersteller Y gibt. Ich lese sein Blog jeden Tag, weil er mir zusätzlich erzählt, ob er das Tool scheiße findet oder großartig, und er mir darüber hinaus erklärt, wieso er das so sieht. So sieht für mich ein solcher Mehrwert aus, sowas brauche ich in meinem Google Reader und bei solchen Blogs ist es scheißegal, ob schon 20 andere Blogs über Tool X und Hersteller Y geschrieben haben.
Deswegen ist der Vergleich mit einem Wettrennen auch nur bedingt zulässig. Klar wollen wir alle möglichst schnell unsere Story unters Leservolk bringen, aber wenn man morgen ein heutiges Thema geschickt und intelligent aufbereitet, kann man sich dennoch sicher sein, unter all den Blogs seine Nische zu finden – ich jedenfalls habe sie gefunden und gedenke auch nicht, mich dort vertreiben zu lassen ;)
Das bringt mich zu einem weiteren Punkt, bei dem ich Jürgen nicht ganz zustimmen kann. Er berichtet, wie satt er die ganzen Startup- und Web 2.0-Geschichten hat, wie wenig Sinn und Spaß es ihm bereitet, zum x-ten Mal ein neues Twitter-Feature oder ähnliches in seinem Blog zu behandeln. Es mag sein, dass wir in diesen Tagen vielleicht nicht die ereignisreichste Zeit im Tech-Business zu verzeichnen haben, aber ich kann absolut nicht zustimmen, dass einem hier vermeintlich die Themen ausgehen könnten oder es nichts wirklich Berichtenswertes mehr gäbe.
Hört Euch mal Leute wie Ibrahim Evsan, Robert Basic oder Leander Wattig an – die werden euch schon zu erzählen wissen, in was für einer spannenden Zeit wir gerade das Glück haben, Augenzeuge sein zu dürfen. In den kommenden Geschichtsbüchern wird man davon berichten, wie das Internet die Welt erobert und verändert hat. Dabei geht es doch um viel mehr als um ein Profil bei Facebook oder eine 140-Zeichen-Meldung. Wie selbstverständlich erledigen wir unsere Bankgeschäfte und Warenbestellungen online,kaufen Konzertkarten, drucken Fahrkarten und Wegbeschreibungen aus, vergleichen vor einem Kauf Produkte und nicht zu letzt finden wir im Netz auch so ziemlich jedes Magazin, jede Zeitung, jeden Fernsehsender, um uns dort zu informieren und uns gegebenenfalls die Zeit zu vertreiben.
Die 2.0-Komponente – das "Mitmach-Netz" – kommt zu dem oben genannten hinzu und sorgt dafür, dass wir uns so geschickt vernetzen können wie nie zuvor in der Menscheit. Nie war es leichter, verloren geglaubte Menschen wieder zu treffen oder Gleichgesinnte kennen zu lernen. Ich kann mich noch erinnern, dass ich 36er-Filme für eine Kamera geholt habe, diese Bilder dann entwickeln ließ und mich – Tage später – über 30 gelungene Bilder freuen konnte, von denen vielleicht 20 wirklich zu gebrauchen waren. Heute mache ich hunderte Bilder, sortiere die missratenen direkt nach der Aufnahme aus und stelle der ganzen Welt – falls gewünscht – die Bilder schneller zur Verfügung, als ich "Photo Porst" buchstabieren könnte.
Jeden Tag schießen Dienste und Anwendungen wie Pilze aus dem Boden, die dafür sorgen, dass wir uns besser miteinander vernetzen können. Wir arbeiten zusammen, treffen die Liebe unseres Lebens, können kollaborativ Musik, Zeitungen – ja eigentlich jedes vorstellbare Projekt – online erschaffen und nicht zuletzt können wir über mehr Informationen verfügen als je zuvor.
Wenn nun einer dieser Dienste ein neues Feature bringt – Beispiel Twitter mit seiner Listenfunktion – dann mag das auf den ersten Blick wenig spektakulär anmuten. Wenn man allerdings erkennt, dass es zukünftig nicht darum geht, eine Information aufzutreiben, sondern viel mehr darum, die Unmengen an Information zu bündeln bzw zu kanalisieren, dann bekommt diese Filterfunktion direkt mehr Gewicht. Verglichen mit der Zahl der Internet-Nutzer verwendet bislang nur eine Handvoll Menschen Twitter, FriendFeed und Co so exzessiv, dass Filter wirklich notwendig sind. Das ist aber nur eine Momentaufnahme und wird sich in gleichem Maße ändern, wie sich auch das Verhalten und die Präsenz der User in Online-Communities geändert hat.
Wir – damit meine ich Menschen wie Jürgen, Caschy, mich selbst und eigentlich jeden anderen Techblogger – können diese unzähligen Internetnutzer an die Hand nehmen, ihnen Dinge erklären, die für uns längst selbstverständlich sind, welche die breite Masse aber noch lange nicht auf dem Schirm hat. Für viele meiner Arbeitskollegen – mit Masse wer-kennt-wen und meinVZ-Junkies – grenzt es zum Beispiel an Zauberei, dass man bei Facebook im Gegensatz zum lahmen VZ-Buschfunk nicht nur die Links anklicken kann, sondern auch seine Fotos und Videos präsentieren kann.
Schaue ich in meine Statistiken der meistgelesenen Artikel, dann finde ich dort nichts vermeintlich Geistreiches oder Spannendes zum Thema Musik im Internet oder ähnliches, sondern auf den ersten drei Plätzen Postings, in denen ich simple MySpace-Funktionen beschreibe und erkläre. Schon lange plane ich, ähnlich mit Facebook zu verfahren, welches ja bekanntermaßen komplexer zu händeln ist als MySpace und somit auch wesentlich mehr Fragen aufwirft.
Wir haben hier noch so viele Geschichten zu erzählen, über so viel Neues zu berichten und noch so viele Dinge zu bewerten. Wir haben mit netzwertig.com und basicthinking.de zwei große Techblogs, die sich in Themenvielfalt und Kompetenz nicht hinter amerikanischen Vorbildern verstecken müssen und wir können nicht mal im Ansatz erahnen, wie viele Menschen in den nächsten Monaten und Jahren überhaupt erst einmal feststellen, was im Netz alles möglich ist und die dankbar dafür sein werden, dass wir es ihnen erklären können. Deshalb sehe ich hier keinen negativen Trend oder gar ein Blogsterben, im Gegenteil: uns erwartet unser eigenes kleines Wirtschaftswunder, unser ganz eigener Goldrausch und logischerweise lasse ich es mir nicht nehmen, dort dabei zu sein. Sorry, dass der Artikel wieder epische Ausmaße angenommen hat, aber das musste ich alles dringend loswerden ;)




