Wie polemisch geht man an so einen Artikel ran? Fragt man nach Gemeinsamkeiten zwischen der Musikindustrie und der Titanic? Holt man die pauschale Kritik-Keule raus und drischt auf alles ein, was mit Musik Geld verdient? Vielleicht besser nicht…
Das hat zwei Gründe: Einmal komme ich mir hier eh schon vor wie bei einem Kampf gegen Windmühlen und zum anderen kann man nicht die ganze Industrie über einen Kamm scheren. Fakt ist, dass mir viele kleine Labels und Acts wahnsinnig leid tun, weil sie mit ihrer Kunst nicht annähernd das verdienen, was ihnen zusteht. Andererseits denke ich aber auch, dass man das Rad der Geschichte nicht beliebig zurückdrehen kann und daher Umdenken gefordert ist.
Wieso ich das hier wieder aufgreife? Warner – eines der vier Musik-Schwergewichte dieses Planeten – hatte wieder mal eine blendende Idee. Man lässt verlauten, dass die kostenlosen Streaming-Dienste wie last.fm und spotify "nicht gut sind für die Branche". Da hat er natürlich recht, der gute Warner-CEO Edgar Bronfman Jr. Schließlich sind Autos auch nicht gut für die Hufschmied-Branche.
Die oben genannten Dienste sind zarte Knospen, die sicher keine endgültige Lösung für das Problem einbrechender Absatzmärkte darstellen, die aber einen Weg aufzeigen, die Richtung vorgeben. Jeder dieser Dienste, jeder Musiker mit Visionen und jedes Label mit neuen Ideen tut mehr für die Musik als Warner und die anderen Big Player.
Aber auf diese zarten Knospen kann und muss man aufbauen. Ein Label, welches gewaltige Summen einsetzt, um einen Hype um einen neuen Act zu erzeugen, gefolgt von den obligatorischen drei Single-Auskopplungen aus dem ersten Album, muss der Vergangenheit angehören. Wo steht eigentlich geschrieben, dass man mit einem Hit finanziell ausgesorgt haben muss und dass man hochdotierte Millionenverträge erhalten muss, nur weil man ein mehr oder weniger talentierter Musiker ist.
Machen wir uns nichts vor: Gute Musiker gab es schon immer und wird es immer geben und auch in Zukunft werden keine Verkaufszahlen Indikator dafür sein, ob wir es mit qualitativ guter oder schlechter Musik zu tun haben.
Ich muss zugeben, dass ich Musik mehr konsumiere als deren Vertriebswege und Mechanismen zu analysieren, daher fehlt mir eventuell der Ein-/ Durchblick, wie ein Label arbeitet, wie und mit welchem Aufwand Gewinne generiert werden. Daher verzeiht mir vielleicht meine etwas verklärte und vielleicht auch primitive Sicht der Dinge – aber ich verstehe einfach nicht, wieso zukünftig Warner, Sony und Co einen Markt beherrschen sollen, auf dem sie nicht gebraucht werden.
Wenn ich Musik mache – nebenbei und zum Spaß – dann habe ich doch heute unendlich mehr Möglichkeiten, Menschen zu erreichen. Vor 20 Jahren hätte ich Demo-Tapes rumgereicht, in den Clubs meiner Stadt angefragt, ob ich für ein Essen und ein paar Bier als Gage auftreten darf und vielleicht habe ich noch Flyer ausgelegt. Heute kann ich – zu dem eben genannten – allein auf Facebook theoretisch 400 Millionen Menschen erreichen. 5000 von denen reichen, um mich in den deutschen Verkaufs-Charts in die Top Ten zu katapultieren. Nicht von ungefähr schießen unzählige Gruppen bei Facebook aus dem Boden, die nach dem Vorbild der "Rage against the machine"-Aktion einen bestimmten Song pushen wollen.
Wenn ich also Musik mache, habe ich die Möglichkeit, es wegen der Kohle oder nur wegen der Musik zu machen. Letzteres funktioniert genau so wie früher und wenn ich Glück habe, kann ich auch heute ein gutes Geld damit verdienen. Geht es mir um Ersteres, muss ich die Möglichkeiten nutzen, die mir zur Verfügung stehen. Das müssen eben keine unverschämt teuren Werbespots im TV sein, sondern kann nahezu kostenlos über die Bühne gehen. Es gibt viele Möglichkeiten, seine Songs per Download an den Mann zu bringen und es gibt noch viel mehr Möglichkeiten, sie zu promoten. Führt ansprechende Profile bei MySpace (immer noch höchst relevant für Musik) und Facebook, twittert, vernetzt Euch mit Menschen, die Eure Art Musik mögen.
Heute ist es noch so, dass irgendwann ein großes Label aufmerksam werden kann auf einen Act, der aus eigenem Antrieb einen großen Hype im Netz auslöst. Ich würde mir wünschen, dass man dieses große Label gar nicht benötigt. Vielleicht braucht man ab einem gewissen Erfolg tatsächlich einen cleveren Kopf, der das Management übernimmt. Was man sicher nicht braucht, ist der Wasserkopf eines großen und schwerfälligen Labels, welcher gewaltige Summen verbrennt, die absolut Null mit meiner Musik zu tun haben. Ich finde es legitim, wenn eine erfolgreiche Band Geld erwirtschaftet, welches vom Label genutzt wird, um kleinere Acts aufzubauen, aber ich sehe es nicht ein, dass aus diesen Einnahmen billige Dance-Combos und Casting-Schnuckis gepusht werden sollen.
Also träume ich weiterhin von innovativen, kleinen Labels, die mit einer gewissen Leidenschaft und einer großen Portion Idealismus an die Arbeit gehen und von Musikern, die sich über kommerziellen Erfolg gegebenenfalls freuen, ihn aber nicht voraussetzen. Wie gesagt – aus einem cyber-romantischen Blickwinkel betrachtet und vermutlich wenig wirtschaftlich fundiert, aber man wird ja noch träumen dürfen von Zeiten, in denen nicht Warner, Sony, EMI und Universal bestimmen, was wir hören sollen.


