07 Mrz, 2010
Von gekürzten Feeds, Basic Thinking und vermeintlichen Arschlöchern
Posted by: Casi In: Blogs|zweipunktnull.org
Eins vorneweg: Ja, ich bin auch Blogger bei Basic Thinking und ja, ich finde gekürzte Feeds dennoch beknackt!
Wie ihr – wenn ihr hin und wieder hier bei mir lest – sicher mitbekommen habt, kann man aufgrund meiner oft ausschweifenden Einleitungen nicht immer auf den Kern der Story schließen. Das finde ich gut so, ich führe meine Leser hier gerne – auch über Umwege – an ein Thema heran. Das hat mich auch von Anfang an nicht die Spur gekratzt, ob es jemanden nervt oder nicht, weil es mein Stil ist und weil es mir Spaß macht, so zu schreiben.
Würde ich jetzt meine Feeds hier kürzen, wäre es für Euch vermutlich unmöglich, im Feed-Reader Eures Vertrauens darauf schließen zu können, worum es hier überhaupt gehen soll und das ist schon mal ein Grund für mich, den vollen Feed anzubieten.
Und nochmal vorneweg: Gerade in den Techblogs haben wir es mit Lesern zu tun, die in Garnisonsstärke mit Feedreadern und Werbeblockern bewaffnet auf die Blogosphäre einstürmen. Das ist okay und legitim – jeder sucht sich seine Nische schließlich selbst und ich schreibe hier ja, weil mich das Thema flasht, und nicht weil ich mir überlegt habe, wo und wie die Leser herkommen. Aber ich muss auch sagen, dass ich für mich mittlerweile erkannt habe, dass ich mich hier nicht in einem Wettkampf mit fünf oder zehn oder fünfzig Techblogs befinde. Über jeden Leser freue ich mich, wer es nicht mag, wird auch sicher seine Gründe haben und wenn jemand neben zweipunktnull auch noch andere Themenblogs dieser Coleur liest, dann finde ich das nicht verwerflich, sondern in höchstem Maße konsequent. Viel mehr denke ich, dass man sich aktuell lediglich in einem immer noch neuen Markt positioniert.
Egal, ob ich über mobiles Internet schreibe, über Facebook, über technisches Gerät, Social Games oder was auch immer, was die Internet-Entwicklung mit sich bringt: Wir sind – gerade in Deutschland – noch am Anfang eines Informations- und Kommunikations-Tsunamis, über dessen Ausmaße wir uns vielleicht noch gar nicht bewusst sind. Ich habe schon in meinem letzten Artikel darüber geschrieben, dass wir den Neunziger-Jahre-Mief des Internets abschütteln müssen. Das Internet ist nicht eine weitere Möglichkeit, seine Zeit zu verplempern neben TV, Disco, Freunde treffen und was auch immer. Das Internet verbindet Menschen privat und auch beruflich, bietet ungeahnte Möglichkeiten in jeglicher Hinsicht und hält eine Phantastillion Chancen bereit, wirklich jeden Bereich unseres Lebens zu optimieren.
Worauf ich hinaus will und was das mit der Ansage von Basic Thinking zu tun hat, die Feeds ab sofort zu kürzen? Wartet, ich komme gleich dazu! Mir ist es zunächst mal wichtig, für mich selbst festzustellen, dass wir uns gerade positionieren, um einer gewaltigen Menge Menschen zu erklären, wie Facebook funktioniert, ob Google nun böse ist oder nicht und wie man auch ohne iPhone erträglich unterwegs das Internet nutzen kann.
Aktuell sind wir doch noch Teil einer Blase. Viele Early Adopters stürzen sich im Gleichschritt auf neue Dienste, und oft finden sich in allen technisch ausgelegten Blogs zumindest im Kern die selben Leser. Jeden Tag kommen auf der Arbeit und im Privatleben immer wieder Menschen auf mich zu und möchten Dinge erklärt haben, bei denen ich es nicht fassen kann, dass man da nicht von allein drauf kommt. Um es vorweg zu nehmen: Das ist reichlich vermessen und zeigt mir manchmal, wie weit man von seinen Leuten weg ist, die nicht Stunden täglich im Internet verbringen. Diese Menschen wissen oft nicht einmal, was ein Blog ist und müssen erst dahin kommen, sich via Blogs zu informieren oder eine Lösung eines Problemes zu finden. Und jetzt die Erklärung, wieso ich denke, dass das was mit der Basic Thinking-Geschichte zu tun hat: Ich glaube einfach, dass die Monetarisierung gerade schwierig bis unmöglich ist für einen Blogger, wir aber auch noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht haben, gerade in Deutschland.
Ich freue mich darüber, dass ich mit meinem Blog meine Internet- und Hostingkosten wieder reinbekomme und dass darüber hinaus so viele Menschen schätzen, was ich hier tue. Dennoch schaue ich, ob ich den Silberstreif am Horizont erkennen kann. Klingt nach Durchhalteparole und vermutlich ist es sowas in der Art ja auch. Wenn ich lese, dass sowohl Basic Thinking als auch Experten wie Caschy und viele andere schwer rumrödeln müssen, um auch nur etwas Profit aus ihrer guten Arbeit zu schlagen, dann kann das der Weisheit letzter Schluss nicht sein. Ich werde aber nicht das geflügelte Wort der Umsonst-Kultur oder der Geiz-ist-geil-Mentalität bemühen, sondern sitze hier entspannt auf meinem lustigen und rückenfreundlichen Hüpfball, starre in mein Notebook und warte ab, dass sich die Dinge ändern.
Klingt furchtbar passiv, aber das hat damit zu tun, dass ich entschieden besser schreiben kann als Geschäftsmodelle entwickeln. Bis dahin werde ich also auch das ein oder andere ausprobieren, werde mich durch meine Texte zu empfehlen versuchen und gehe fest davon aus, dass sich die Mentalität der Internetnutzer in ein, zwei Jahren grundlegend ändern wird. Der User gewöhnt sich gerade erst daran, dass sein gekaufter Song nur noch eine Datei ist und keine CD. Noch länger wird es brauchen, bis virtuelle Güter für ihn selbstverständlich sind und man gewillt ist, für ein ehemals kostenloses Medienprodukt zahlen zu wollen, wenn die Qualität stimmt.
Wäre ich jetzt kein Teilzeit-Blogger, der sich ein kleines Zubrot verdient sondern eine Redaktion von zwei Vollzeit-Redakteuren plus einer Handvoll Teilzeit-Schreiberlinge, würde ich das ganze nicht so entspannt betrachten können und vermutlich würde mir mindestens genauso der Arsch platzen, wie es scheinbar heute bei meinem geschätzten Kollegen André der Fall war:
Ich, und das sage ich stellvertretend für das ganze Team, habe keine Lust darauf, mir von Ehrenrunden-Königen einer zehnten Klasse vorwerfen zu lassen, dass wir “Arschlöcher” seien, weil wir mit unserer Arbeit auch Geld verdienen wollen.
Wie gesagt, ich bin kein Freund der gekürzten Feeds, sehe aber natürlich die Notwendigkeit, zumindest jeden möglichen Weg auszuprobieren, der den Erhalt eines Projektes garantieren kann. Ob dieser Weg der richtige ist, kann man gerne anzweifeln, aber die Art und Weise, in der sich einige Kommentatoren in den letzten Tagen zu Wort gemeldet haben, haben mich teilweise echt sprachlos werden lassen. Es ist nicht zu fassen, auf welch armselige Weise sich geäußert wird, weil ein Blog wagt, mit seiner Arbeit Geld verdienen zu wollen.
Ich denke, dass mit der Zeit noch Möglichkeiten und Modelle entstehen werden, die den Redakteuren/Bloggern von guten Angeboten angemessenen Lohn angedeihen lassen. Aktuell sieht es damit flau aus, und so sollte man es André und Co zumindest zugestehen, Übergangslösungen zu finden. Wer das scheiße findet, hat vermutlich seine Gründe dafür und das gute Recht, das auch zu äußern, aber ein wenig Netiquette und Respekt vor der Arbeit der Jungs darf ja wohl bitte erwartet werden, oder?
Respekt, der auch leider von der vermeintlichen Konkurrenz nicht zu erwarten ist, amüsiert sich der von mir eigentlich hochgeschätzte Marcel Weiß ebenfalls über die derzeitige Basic Thinking-Debatte:
Ich lese Basic Thinking nicht, weil die Themenauswahl dort mich nicht reizt, aber so weit ich das sehen kann, scheint der einzige heutige Unique Selling Point der dort gepflegte verkrampft lockere Schreibstil zu sein.
und weiter:
Die Empörung der Blogger mutet ein bisschen an wie die Empörung der Vertreter der großen Presseverlage, die von der ‘Umsonstkultur’ faseln, wenn sie eigentlich die Inkompatibilität ihres Geschäftsmodells mit den neuen Rahmenbedingungen erleben und sich darüber ärgern, dass sie nicht die Marktmacht haben, die sie gern hätten.
Ich sehe es im Grunde wie Marcel, dass der gekürzte Feed nicht heilbringend ist, dennoch ziehe ich den verkrampft lockeren Schreibstil immer noch dem verkrampft seriösen Stil anderer Blogs vor. Ist ja auch gut so, so findet halt jeder seine Nische/Leser. Was die Inkompatibilität von Geschäftsmodellen und neuen Rahmenbedingungen angeht, bräuchte er allerdings nicht vom hohen Ross herab auf Basic Thinking herablachen, Stichwort: Medienlese. Auch dort konnte ein äußerst beliebtes Blog nur mit privaten Spenden erhalten werden, bevor es dann doch zum Bildblog abwandern musste – und das als Blogwerk-Tochter mit vermeintlich gesundem finanziellen Hintergrund. So weit scheint es mit den Geschäftsmodellen dort also wohl auch nicht her zu sein trotz Adnation-Unterstützung.
Der Kern der heute von André geäußerten Kritik, um auf den eigentlichen Punkt zurückzukommen, ist doch aber, dass es nicht um die Kritik an sich geht – die ist ja durchaus wünschenswert und mitunter höchst konstruktiv – sondern um die Art und Weise, wie in Teilen kritisiert, ja gepöbelt wird. Selbst ich auf meinem kleinen Blog hier hatte Schmährufe und "danke für den fisch und auf nimmerwiedersehen"-Reaktionen, die ich durch die bloße Ankündigung, für Basic Thinking schreiben zu wollen, provoziert haben muss. Wenn ich sowas lese, dass drüben bei BT manche Leute schreiben, dass es bis jetzt ihr absolutes Lieblingsblog war und sie sich nun aber wegen der Feed-Kürzung nach Alternativen umschauen "müssen", könnte mir selbst auch der Arsch platzen…
Es geht hier auch nicht um vermeintliche "Dankbarkeit der Leser", wie es auf wirres.net so schön heißt. Klar lese ich meine Tageszeitung nicht aus Dankbarkeit, sondern weil mich der Content interessiert. Im Gegenzug wollen die auch kein Lob oder Applaus von mir, sondern bare Münze. Daher denke ich, dass man das schon mal nicht so unbedingt in einen Topf werfen sollte.
Ich werde das hier jetzt auch mal abbrechen. Lang genug ist der Text schon längst wieder, dafür dass ich mich eigentlich nur positionieren wollte in diesem aktuell viel diskutierten Themenfeld. Viel Debatte bedeutet da ja übrigens wohl auch, dass viel Bedarf besteht, oder nicht? Ich möchte jedenfalls in diesem Zusammenhang auch noch auf die Beiträge von off-the-record und [Ctrl]-Verlust hinweisen, die sich ebenfalls mit dem Thema auseinander setzen.
Kudos und virtuelles Schulterklopfen meinerseits gehen außer an André auch nach Bremerhaven. Caschy ist engagierter Verfechter des vollen Feeds und trotzdem knüppelt der nicht blind auf Basic Thinking (obwohl es beileibe nicht zu seinen Blog-Lieblingen zählt), sondern versucht einen konstruktiven Ansatz zu finden:
Gute Arbeit darf auch belohnt werden, oder? Und nun lasst uns mal darüber nachdenken, wie das Modell der Zukunft aussehen könnte… bin auf kontroverse Diskussionen und Beleidigungen vorbereitet
Ich schließe mich an: Ideen, anyone? Wir hören zu!
Wer echt bis zum Schluss dieses epischen Werkes durchgehalten hat: Mein voller Respekt ;) Ist aus der Distanz vermutlich sogar witzig zu betrachten, wie sich wegen eines solchen Themas Köpfe eingehauen werden, obwohl 98 Prozent der Nation keinen Schimmer haben, worum es hierbei geht. Würde ich in meinem Freundeskreis anfangen, von gekürzten Feeds zu reden, würden die meisten vermutlich auf meine Füße starren oder fragen, ob ich nicht genug zu essen habe ;)
In diesem Sinne: Euch noch einen schönen und friedlichen Sonntag-Abend




