zweipunktnull.org

15 Mrz, 2010

Schönes, kostenloses Internet

Posted by: Casi In: zweipunktnull

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Tolles Internet: Songs, Texte, Games, Filme, Freunde – hier finde ich wirklich alles und wirklich alles kostenlos. Hin und wieder sogar legal. Und wenn es irgendwas nur illegal gibt – auch egal, ich nehm's mit…dafür ist es ja schließlich da – und wem tut eine runtergeladene Datei mehr schon weh? Klingt überzogen? Ja, ich weiß – soll es auch…

Ich versuche sowohl hier als auch drüben bei Basic Thinking einen Drahtseilakt zu vollziehen. Auf der einen Seite sehe ich den Verbraucher. Der, der davon profitiert, dass man sich unendlich viele Videos auf YouTube reinziehen kann, der last.fm und Co nutzt, um rund um die Uhr seine Musik hören zu können und der sich begeistert auf die vielen Technologien stürzt. Auf der anderen Seite steht die Industrie, auf welche ich virtuell hin und wieder ganz gerne mal einprügel. Nicht weil ich ein aggressives Schwein bin, welches einfach gerne schimpft, sondern weil ich es manchmal einfach nicht in den Kopf kriegen kann, wie man sich in diesem "neuen" Medium namens Internet so dämlich anstellen kann. Nichtsdestotrotz versuche ich auch diese Seite zu sehen und das ist dann der Punkt, an dem es haarig wird. 

Wie kann ich gleichzeitig über tolle und oft kostenlose Dienste berichten und gleichzeitig eine Lanze für die andere Seite brechen? Ich verlange oft und gerne, dass man sich auf die neuen Spielregeln einlassen muss, dass man viele Dinge ausprobieren muss und vielleicht fünf Mal damit auf die Schnauze fallen muss, um beim sechsten Mal endlich ein tragfähiges Modell geboren zu haben. Aber was, wenn der Verbraucher gar nicht bereit ist, einem Unternehmen oder einem Startup eine solche Chance (oder gar mehrere) einzuräumen?

Keine Angst, ich bin sicher nicht größenwahnsinnig geworden und halte mich mit meinen paar Lesern hier daher auch nicht für besonders einflussreich. Dennoch denke ich, dass ich – und mit mir viele andere Blogger – die Geister nicht mehr so schnell loswerden können, die wir gerufen haben. Wir rufen nach neuen Modellen und honorieren die Versuche, aber wir knüppeln auch drauf los, wenn es in die komplett falsche Richtung geht. Das Resultat daraus sehen wir gerade. In Koproduktion haben die Medien (egal, ob klassische Printmedien, Online-Formate wie Spiegel und Co oder eben auch Blogger) den Begriff der Kostenlos-Mentalität kultiviert.

Über viele Jahre haben wir uns daran gewöhnt, dass wir kostenlos per Messenger unsere Freunde und Kollegen anschreiben können und kostenlos E-Mails verschicken – was ich auch nach wie vor für legitim halte. Logischerweise suche ich kostenlos im Netz und hole mir Tipps und Ratschläge zu jedem x-beliebigen Thema ebenfalls kostenlos. Das funktioniert so, weil jeder davon profitieren kann. Nutzer genau so wie Anbieter.

Aber man hat sich in der gleichen Zeit auch daran gewöhnt, dass auch jede Nachricht, jede gut recherchierte Story kostenlos verfügbar ist und das kann auf Dauer nicht gut gehen. Hier stehen sich jetzt die User mit dem Anspruch auf kostenlosen Content und die Verfasser desselben gegenüber, und letztere sind gelinde gesagt etwas frustriert. 

Da sind wir jetzt u.a. auch wieder bei diesen verzweifelten Versuchen der Industrie, die einen echt fassungslos werden lassen angesichts des beschränkten Horizonts, mit dem man sich selbst so unendlich in seinen Möglichkeiten beschneidet. Als Stichwort seien merkwürdige Angriffe auf Google genannt, über die ich heute auf Basic Thinking geschrieben habe. Andererseits verstehe ich aber auch, dass man gute Arbeit in irgendeiner Form honoriert haben möchte und dass man überlegt, wie man das am geschicktesten auf die Kette bekommt. 

Deshalb das Gerede von Geistern, die man nicht mehr los wird: Wie soll man User bewegen für eine Sache zu bezahlen, die sie jahrelang kostenlos genutzt haben? Ich bin über die Jahre so konditioniert worden, immer nur einen Mausklick von der gewünschten Information entfernt zu sein. Ich merke, wie ich gerade erst beginne, ein Bewusstsein für gute Inhalte zu entwickeln.

Das hat auch herzlich wenig mit der Debatte auf Basic Thinking zu tun, in der es um gekürzte Feeds, Blogmodelle und Monetarisierungsversuche geht. Aber nicht zuletzt genau diese dort geführte Diskussion lässt mich echt zweifeln an dem, was wir hier tun. Mit Enttäuschung hätte ich wirklich gerechnet, frustriertes Feedback hab ich auch eingeplant, aber was da teilweise geäußert wurde, war schon bedenklich. Das gipfelte für mich persönlich dann in einem Artikel über eine Möglichkeit, Paid Content auf Blogs anzubieten, versehen mit dem Hinweis, dass es keine Alternative ist, die für Basic Thinking im Gespräch ist.

Neben einigen konstruktiven Statements finden sich aber auch dort wieder echt merkwürdige Reaktionen, die mir u.a. Rumjammerei unterstellen (die mir übrigens auch nach mehrfachem Check nicht auffallen will) und die wiederholt darauf hinweisen, dass wir nur 08/15-Content liefern, den man sich überall sonst im Netz auch abholen kann. Das ist Geschmackssache, klar – aber ich würde es ehrlich gesagt weder lesen noch kommentieren wollen, wenn es wirklich 08/15 wäre. Finde ich eine Seite beknackt oder lahm oder was auch immer, dann habe ich sie weder im Reader, noch nehme ich sie sonst sonderlich wahr. Mich quält echt die Frage, was jemanden motiviert, eine Seite wieder und wieder zu lesen, obwohl sie ihn nicht interessiert – und das dann auch noch in Kommentaren zu äußern.

Soll jetzt aber auch reichen zum Thema Basic Thinking, weil es mir um die Kostenlos-Mentalität im Ganzen geht und nicht wirklich um dieses spezielle Beispiel. Dafür möchte ich aber noch einen anderen Punkt loswerden. Der hat mit meinem letzten Artikel hier zu tun. Hier geht es exakt um das, was ich so oft fordere: Wenn man ein Talent hat, dann muss man einen Weg finden, es ins Netz zu transportieren. Nur weil ich beispielsweise ein begnadeter Musiker bin, muss ich nicht zwangsläufig Geld damit verdienen können. In diesem letzten Artikel geht es um individuell angefertigte Klingeltöne für Fußball-Fans. Angefangen bei einem Preis von fünf Euro bis zu einer Premium-Version für zwanzig Euro. Der Kamerad macht da einen Riesenjob, hatte eine Riesenidee – und scheinbar ja auch einen Markt dafür gefunden. 

Direkt nach Erhalt meines Klingeltons habe ich ihn auch einigen Leuten vorgespielt. Einige, eher netz-affine Menschen waren total begeistert von der Idee, haben mitunter sogar selbst direkt einen Klingelton bestellt oder es sich zumindest für eine passende Gelegenheit vorgemerkt. Ein paar Tage später auf meiner eigentlichen Arbeit habe ich die gleiche Datei meinen Arbeitskollegen vorgespielt. Die erste Reaktion – gerade unter den Fußball-Fans war die gleiche: "Wie geil ist das denn?" "Muss ich unbedingt haben!" usw. 

Dann wurde ich gefragt, wo man das machen bzw runterladen kann und nachdem ich die Preise genannt habe, wollte sich niemand mehr auch nur den Link notieren. Ja, die Idee ist total klasse, aber dafür zahlen – nööö, lass mal…

Ich bin gerade gar nicht mal sicher, ob mich das eher sauer, eher traurig oder eher ohnmächtig macht. Helft mir – muss ich mir da ein dickeres Fell zulegen und einfach abwarten, bis sich diese Mentalität nach und nach in die richtige Richtung entwickelt? Oder mache ich weiter wie bisher, versuche die Dinge beim Namen zu nennen in der Hoffnung, dass der ein oder andere dieser Menschen dadurch ins Grübeln kommt? Oder ist es vielleicht noch anders? Vielleicht sind die Modelle und die Kauf-Anreize einfach noch nicht exakt genug auf die User zugeschnitten?

Die Antwort liegt vermutlich irgendwo dazwischen und ist pauschal nicht zu beantworten, aber selbst für eine bloße Momentaufnahme finde ich das eher beunruhigend.

  • Was ich merkwürdig finde bei diesen Diskussionen: Gerade wer selbst eine Website betreibt, sieht doch in seinen Statistiken, welche Arten von Inhalten ihm viel Traffic bringen und sich damit finanziell wenigstens ein bisschen lohnen.

    Und das sind in der Mehrzahl wohl nicht die anspruchsvollen Artikel, die besonders viel Arbeit gekostet haben. Schon an dem Punkt müsste den Website-Betreiben / Bloggern klar sein, auf welches Qualitätsniveau die Kostenlos-Kultur führt.

    Die vorherrschende Mentalität mag so sein wie beschrieben, aber sie ist nicht in Stein gemeißelt. Innerhalb weniger Jahre können sich die vorherrschenden Ansichten ändern

    Mein Lieblingsbeispiel ist die Frage, ob man MP3-Dateien überhaupt im Internet verkaufen kann, weil man sie sich ganz leicht kostenlos besorgen kann. Die Musikindustrie ist zwar noch längst nicht aus der Krise, aber das Thema, ob kostenpflichtige Download von Musik ein funktionierendes Geschäftsmodell sein kann, ist wohl durch...

    Außerdem ist Paid Content nicht nur auf journalistische Texte beschränkt, bei anderen Inhalten wie Filmen und TV-Serien ist die Zahlungsbereitschaft weit größer. Das ist eine Frage des Angebots, aber auch der Gewohnheit, wofür man üblicherweise Geld ausgibt.

    Die Kostenlos-Mentalität wird uns in zehn Jahren möglicherweise schon völlig absurd vorkommen. So etwas kann sich sehr schnell ändern.

    Die Anbieterseite muss dafür allerdings überzeugende Lösungen anbieten, die das Internet-Erlebnis möglichst nicht einschränken, sondern verbessern. Und einfach müssen sie sein. Das Geld selbst ist gar nicht so das Problem. Ist es nicht erstaunlich, wie bereitwillig viele Menschen Geld für Apps ausgeben?
  • Ich sehe diese Blog-Debatte auch losgelöst von der Basic Thinking-Debatte, Oliver. Das hier ist immer noch meine Blog-Heimat und hier freue ich mich, wenn Leute meinen Content mögen und wenn es eine Möglichkeit gibt, die Kosten dafür wieder reinzubekommen. Aber ich habe gerade echt nicht das Verlangen danach, meine Themen danach auszurichten, was man mir evtl besser bezahlt, oder was mehr oder lieber gelesen wird - so egoistisch bin ich dann doch ;)
    Aber ich mag Dein Beispiel mit den MP3s - da hat tatsächlich ein Umdenken stattgefunden und ähnlich wird es in anderen Bereichen auch laufen. Es fehlt lediglich jeweils das vernünftige Konzept, mit dem sowohl Anbieter als auch Konsument gut leben können - aber sowas wird kommen :)
  • Paul
    Hallo!
    Es ist doch wie mit allem auf der Welt: Das Geld entspricht dem Gegenwert dem mir die Ware/Dienstleistung wert ist. Wenn eine DVD in der Videothek 1€ pro Tag kostet ist das für mich ok. Wenn ein Urlaub 99€ kostet ist das für mich ok. Wenn ein Blogeintrag 99ct. kostet, ist das für mich ok.
    Jeder andere hat eine andere Kostenschwelle bei dem das verdiente Geld eben wertvoller ist als die Ware/Dienstleistung die er dafür bekommt. Bei xing.com bleibe ich auch free User, weil mir die Funktionen die ich als Premium User bekomme eben das Geld nicht wert sind. Wenn ich auf Stellensuche bin und Headhunter anschreiben möchte, ist es mir der Premiumaccount wert. Gebucht, bezahlt, ok.

    Außerdem vertrete ich noch die Meinung, dass ihr Hardcore-Internetuser, EarlyAdopter, Blogger usw. auch etwas an Realitätsverlust leidet. Das hört sich zwar hart an, aber ich denke die Welt würde sich auch ohne die Blogs weiter drehen. Nur weil ihr 2000 Feedleser, 200 Facebookfans und 200000 Pageviews habt, heißt es doch noch lange nicht, dass für alle diese Leute der Content hochgradig lebenswichtig ist. Das heißt auch, dass nur ein Bruchteil dafür Geld bezahlen würde. Allein schon wegen dem Interesse. Ich lese oft Blogs aus langeweile, um mich zu informieren oder einfach paar Neuigkeiten zu erfahren.
    Wenn ich nun nicht erfahre welcher NAS gerade als Versuchsobjekt bei Cachy gelandet ist oder wie die Meinung aller Blogger über BasicThinking ist, wird sich meine Lebensqualität nicht merklich verschlechtern.

    Man sollte sich generell die Frage stellen, ob die vielen Internethypes überhaupt ins reale Leben übertragen werden können um damit reales Geld zu verdienen. Das das bei Farmtown klappt ist mir immer noch ein Rätsel...
    Offensichtlich geht es ja doch! Allerdings nicht mit der Brechstange.
    Siehe www.automobilwoche.de, alles paid Content oder mit Registrierung. Interessiert mich zwar alles, trotzdem reichen mir die Überschriften. Ist eben nicht lebenswichtig.
  • Man sollte sich als Blogger generell nicht für den Nabel der Welt halten, da gebe ich Dir absolut recht. Wie Du schon sagst: Wer nicht auf zweipunktnull oder bei YuccaTree oder Basic Thinking über irgendwelchen Content beispielsweise über Facebook stolpert, weil wir plötzlich alle nur noch kostenpflichtige Artikel anbieten, dann zieht die Karawane der Leser weiter und liest die Info woanders.
    Man muss also schon einen Mehrwert erzielen können, sonst hat man null Anspruch auf einen einzigen Cent. Ich versuche einen solchen Mehrwert zu erzielen, indem ich mich oft ausführlicher mit bestimmten Themen auseinandersetze, vielleicht hier und da eine etwas andere Sicht darstellen kann und vielleicht eine etwas weniger trockene Art des Bloggens an den Tag lege, wenn ich mich zu Tech-Themen äußere. Das funktioniert, wenn ich mir die für mich erfreulichen Leser-Zahlen hier anschaue, würde aber nicht mehr annähernd so gut funktionieren, wenn man für die Artikel löhnen müsste. Ich warte also weiterhin auf ein vernünftiges Modell und versuche zwischenzeitlich, meine Blog-Schreibe so weit zu verbessern, dass es irgendwann mal irgendwem was wert ist, das lesen zu dürfen ;)
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