29 Mai, 2010
Von vermeintlichen Kinderschändern und Ruhrgebiets-Aristokraten
Ex-SPD-Politiker und aktuelles Piraten-Aushängeschild Jörg Tauss ist verurteilt worden aufgrund des Besitzes von Kinderpornographie – zu 15 Monaten Freiheitsstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt ist. Ich schätze mal, die Nachricht ist überall rum und steht eigentlich auch nicht im Mittelpunkt dieses Artikels.
Ich persönlich schätze Jörg als netten, sachlichen, engagierten und in der Netzpolitik äußerst bewanderten Menschen. Seit langer Zeit baumelte über ihm das Damoklesschwert der Vorwürfe, wegen denen er nun verurteilt wurde. Sowohl die Tatsache der Verurteilung als auch die Höhe des Strafmaßes finde ich grundsätzlich angemessen. Keiner von uns kann in seinen Kopf schauen und mit letzter Gewissheit festlegen, ob er dieses Material tatsächlich zu Recherche-Zwecken oder aus niederen Beweggründen gesammelt hat. Aber – ich hoffe, das verzeihst Du mir, Jörg – allein wegen der Dummheit, seine Kompetenzen als Abgeordneter so falsch einzuschätzen und darüber hinaus niemanden über die Recherchepläne zu informieren, finde ich die Strafe angemessen.
Vermutlich muss ich hier nicht (wieder) betonen, wie ich selbst gegenüber Kinderpornographie stehe – es versteht sich von selbst, dass Vergewaltigung (besonders bei Kindern) und das filmische Festhalten und Verbreiten dieser Sauereien geächtet gehört. Aber nichtsdestotrotz muss man unterscheiden zwischen der berechtigten Empörung über ein unsagbar schlimmes Verbrechen auf der einen Seite – und dem reflexartigen Vorschieben des selben, weil man in Wirklichkeit andere Ziele verfolgt.
Paradebeispiel dafür ist natürlich Zensursula, die vorgemacht hat, dass man Schreckensvisionen von Heerscharen Kinderpornographie-verkaufender "Pädo-Kriminellen" im Internet zeichnen muss, um das eigentliche Ziel – Internetsperren – erreichen zu können. Schön, dass es scheinbar doch nicht ganz so leicht geht.
Ein weiteres, brandneues Beispiel dafür, dass man heutzutage nicht einfach wahllos auf jemanden zeigen und "steinigt ihn" schreien kann, liefern die von mir eigentlich sehr geschätzten Ruhrbarone ab. Stefan Schroeder liefert ein inakzeptables Pamphlet ab, welches haarsträubend von den Qualitätsansprüchen abweicht, welche sich die Aristokraten des bloggenden Ruhrgebietes auf die Fahnen geschrieben haben. Mein "Lieblings-Satz":
Es ist nun gerichtsfest nachgewiesen, dass sich Tauss Bilder von Kindervergewaltigungen besorgt hat, um sich daran aufzugeilen.
Das ist nicht nur grenzwertig und meilenweit an allem vorbei, was ich mir von einem "Journalisten" als Berufs-Ethik verkaufen lassen würde, sondern würde ich an Tauss' stelle auch ruhig mal auf die Erfüllung des Tatbestandes der Verleumdung untersuchen lassen. Als Sascha Lobo unlängst auf der Republica in Berlin seinen Zuschauern erklärt hat, was ein Shitstorm ist, muss er an einen Artikel wie den der Ruhrbarone gedacht haben. Die Kommentare – fast durchgängig entgeistert bis angewidert (und sicher nicht alles Piraten) – haben mittlerweile dreistellige Zahlen erreicht, während Schroeder bei seinen Entschärfungen/Überarbeitungen des Artikels noch gerade eben zweistellig hinkommt (hier eine ältere Version der Story, aber auch dort schon entschärft).
Ich will hier keine Lanze für Jörg Tauss brechen, weil er a) wie oben bereits geschrieben, gesetzeswidrig gehandelt hat und b) niemand tatsächlich definitiv ausschließen kann, dass er die Bilder tatsächlich zur Belustigung verwendet hat, aber so einen Dreck auf einem Blog zu lesen, welches von "Qualitäts"-Journalisten betrieben wird (den Nachweis haben sie in der Tat hundertfach erbracht in der Vergangenheit) und so einseitig, unreflektiert und befangen daherkommt, kotzt mich gelinde gesagt an.
Was mich fast noch mehr trifft als das Fehlen von jeglichem Niveau in diesem Einzelfall ist das reflexartige Herbeispringen von Ruhrbaron Stefan Laurin. Gehe ich mit dem, was er von sich gibt, sonst fast ständig konform, mag ich meinen Augen kaum glauben, dass er so dramatisch an der Kritik vorbei argumentiert in diesem Fall.
Wieder fühle ich mich an Zensursula erinnert:
"Wieso löschen Sie nicht die Seiten, statt sie zu sperren?"
"…aber diese schrecklichen Bilder…"
Die Strategie scheint bei Schroeder die gleiche zu sein wie bei von der Leyen. Kinderpornographie ist ein dankbares Thema, denn niemand wird wirklich öffentlich dafür sein. Einziger Unterschied: Während Zensursula die dramatischen Ausmaßes dieses vermeintlichen Millionengeschäft mit dem Leid der Kinder mit einem Gesicht vorträgt, welchen man dem körperlichen Schmerz der Ursula von der Leyen förmlich anzusehen scheint, zeigt Schroeder die verzerrte Fratze des Hasses, während er mit Scheiße um sich wirft. Schade, dass Stefan ihm dabei beipflichtet, denn die ganzen Kommentare richten sich nicht gegen die Kritik an der Kinderpornographie, sondern lediglich gegen den Autoren des Machwerks und der Verzerrung der Realität. So weit sollte man auch aus Loyalität dem Kollegen gegenüber nicht gehen.
Wer übrigens die Mär von diesem Millionenmarkt Kinderpornographie tatsächlich glaubt, sollte mal diesen Artikel bei wikileaks lesen, könnte erhellend wirken. Ein schönes Beispiel, dass man Tauss mindestens eine Mitschuld einräumt und dennoch differenziert und analytisch statt polemisch an so einen Artikel rangehen kann, liefert Rainer Kaufmann auf bruchsal.org.
Unter dem Strich bleibt festzuhalten, dass Stefan Schroeder den Ruhrbaronen mit diesem populistischen Gewäsch einen mächtigen Bärendienst erwiesen hat und die Unterstützung durch Stefan Laurin nicht nur meine Meinung zum einzig relevanten Ruhrgebietsblog neben dem Pottblog in den Grundfesten erschüttert hat. Ich werde natürlich dennoch weiter dort lesen – weil Stefan Laurin eine Stellungnahme Schroeders angekündigt hat und weil ich mich gerne davon überzeugen lassen möchte, dass man sich niveau-technisch nicht knapp unter BILD-Pegel einsortiert hat.
Mehr zum Thema im Reizzentrum und zwar hier und hier. Ebenfalls spannend und zum Thema Tauss: Schrozbergs Blog



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