Zwei Sachen sind eben passiert:
- 1. Ich habe einen Artikel angefangen, der sich – mal wieder – mit der Blogosphäre in Deutschland auseinandersetzt.
- 2. Via Twitter habe ich davon erfahren, dass sich der neunzehnjährige Blogger und Twitter-User Roberto Müller das Leben genommen hat.
Wenn man gerne mit Bildern und Gleichnissen arbeitet – und ich tue das nun mal gerne – kommt man in einem Artikel über die Blogosphäre in Deutschland nicht umhin, von vermeintlichen "Abgesängen" und "Totgesagten" zu sprechen. Wer mich kennt, weiß natürlich, dass ich die Blogger-Szene in Deutschland sicher nicht klein oder gar kaputtreden würde, mich aber dennoch – oder gerade deswegen – dieser drastischen Nomenklatur bediene.
Während man nun hier sitzt und das Wort "Tod" schreibt und unten der besagte Tweet aufflackert, ist das wie ein gemeiner Tritt in den Magen. Zumindest für jemanden wie mich, der seit einer gewissen Zeit ein verändertes Verhältnis zum Tod oder zum Sterben hat.
Im letzten Beitrag auf Robertos Blog – einem Nachruf von Michael Walther – findet sich neben besagtem Nachruf im Anhang auch die letzte E-Mail des Menschen, der den Freitod für die letzte – oder einzige – Option hielt:
Ich war früher mal ein Kämpfer. Egal wie schlecht es lief, ich machte weiter. Aber irgendwie habe ich das in der letzten Zeit verloren. Es tut mir leid. Viele von euch werden das nicht verstehen. Und das ist ok, immerhin kennen mich die meisten nur aus diesem komischen Internet ;)
Zwinker-Smileys in seinem eigenen Abschiedsbrief – da ist er wieder, der Schmerz in der Magengegend. Dazu dann eine nahezu erschütternd sachliche Aufarbeitung, welche Art zu sterben weshalb in Frage kommt, verbunden mit Einblicken in das Leben eines Menschen, der sich gründlichst mit seinem letzten Weg auseinandergesetzt hat.
Hat er vielleicht auch lächeln müssen bei dem Gedanken, mit seinem Dahinscheiden und vor allem mit dieser E-Mail noch einmal für einen Paukenschlag bei Twitter zu sorgen? Wenn dem so wäre, wäre das ein fataler Beweis für seinen haarsträubenden Irrtum. Selbst, wenn ich nur in manchen Augenblicken lachen kann und nur selten ironisch auf meine Situation blicken kann, zeigt das aber doch, dass anscheinend noch ausreichend Kraft vorhanden ist, um weiter zu machen.
Ich kenne Roberto nur äußerst flüchtig aus den Blogs und via Twitter – und selbst dort bin ich ihm schon länger nicht mehr gefolgt. Keine persönliche Geschichte, lediglich das Gesetz der Zahl, glaub ich. Ich könnte weder was Schlechtes, noch was ausnehmend Gutes über ihn berichten – er ist einfach zu weit weg von mir. Genau aus diesem Grund wage ich es jetzt auch nicht, seine Lage bewerten zu wollen. Ich vermute auch mal, dass die meisten seiner Online-Kontakte nicht viel mehr über ihn wissen können, sonst hätte sein Selbstmord im Mai doch vermutlich viel eher für betretene Mienen bei Twitter sorgen müssen.
Seine Familie und seine Freunde tun mir unsagbar leid, denn die finden sich vor einem Scherbenhaufen wieder, den zu bewältigen man wahrlich niemandem wünscht. Dennoch ist neben diesem flauen Gefühl im Magen da auch immer diese Wut, wenn man von einem Selbstmord hört oder liest. Wie immer, wenn Leute freiwillig gehen, während andere ihren langen Kampf ums Überleben viel zu früh verlieren.
Der eben angefangene Artikel über die Blogosphäre sollte auch wieder ein Statement sein zu einer spannenden Zeit, in der wir leben – gerade im Bezug auf das Internet, welches unser aller Leben komplett auf den Kopf stellen könnte. Ich muss zugeben, dass ich diesen Elan nicht aufbringen kann, was einen solchen online veröffentlichten Abschiedsbrief angeht. Einer der wenigen Augenblicke, in denen mich das "Mitmachnetz" zu überfordern scheint.


