Unter dem Motto "Friede, Freude, Eierkuchen" startete 1989 eine weltweit einmalige Demonstration ihren Siegeszug. Die Loveparade bestand aus einem alten VW-Bus, einer Anlage und einer Teilnehmerzahl, die es gerade mal in den dreistelligen Bereich schaffte. Innerhalb weniger Jahre schaffte es diese Veranstaltung von einer fixen Idee des Gründers Dr. Motte zu einer Massenveranstaltung, die Millionen in die deutsche Hauptstadt und schließlich ins Ruhrgebiet lockte.
Dortmund stellte mit 1,6 Mio Teilnehmern den Besucher-Rekord auf und die Motivation, diesen Rekord zu knacken, führte vielleicht zu der Katastrophe, die ich hier niemandem erklären oder beschreiben muss.
Eigentlich war ich schon fast sicher, hier nichts zu dem Thema zu schreiben. Wissend, dass ein Artikel zur Thematik Loveparade im allgemeinen Noise im Netz untergeht und ich hier auch sicher nichts Neues berichten kann, schreibe ich dennoch ein paar Zeilen, weil es von je her für mich einfacher war, Dinge zu begreifen und abzuarbeiten, indem ich es in Worte fasse. Ich war – glücklicherweise – das ganze Wochenende auf einem anderen Festival unterwegs. Glücklicherweise auch deshalb, weil ich als langjähriger Besucher der Loveparade sonst höchstwahrscheinlich auch dieses Mal wieder dort gewesen wäre. Glücklicherweise aber auch aus dem Grund, weil ich – gegen meine sonstigen Gewohnheiten – sehr, sehr wenig mitbekommen habe, was zeitgleich im Netz los war.
Ihr kennt mich hier als jemanden, der sehr viel und sehr gerne von Twitter, Facebook und deren Möglichkeiten schwärmt. Ich mag es, wie schnell die Informationen fließen, wie vielschichtig die Ansichten zu jeder Thematik sind und wie effektiv man sich gezielt zu jedem Thema informieren kann, weil es unter meinen Followern so viele Menschen gibt, die immer wieder neue und interessante Links ausgraben und weitergeben.
In diesem Fall bin ich fast schon erleichtert, dass ich technisch nicht in der Lage war, ständig meine Timeline im Blick zu haben und dementsprechend zu reagieren. Es ist wie bei der WM: Ein Volk, eine Mannschaft, 82 Millionen Bundestrainer. Kurz nach der Katastrophe sind daraus 82 Millionen Festival-Veranstalter geworden, die nebenbei zufällig auch alle Sicherheits-Experten, Sucht-Experten und Panik-Forscher zu sein scheinen.
Schaue ich auf die Chronologie der Ereignisse, bietet sich das gewohnte Bild. Erst wird die immer gleiche Nachricht wieder und wieder verbreitet – zunächst ohne, später mit weiterführenden Links. Das prangere ich grundsätzlich nicht an – ich glaube, es liegt in der Natur des Menschen, sich mitzuteilen, wenn ihn irgendwas bewegt. Beim Deutschland-Spiel bei der WM ist das der kollektive Tor-Jubel in der kompletten Timeline, am letzten Wochenende war es nun mal die Feststellung, welches Drama mit welchen Ausmaßen sich gerade in Duisburg abspielt.
Kurze Zeit später melden sich die Nörgler, die bereits vor fünf Minuten die exakte Zahl der Toten getwittert haben – was wohl bedeuten soll, dass jeder weitere Tweet mit diesem Content keine Legitimation besitzt. Im Windschatten dieser Nörgler kommen dann die Komiker. Ein ungeschriebenes Gesetz des Mikroblogging lautet, dass nichts in der Welt so furchtbar ist, als dass man nicht mit Polemik oder blöden Sprüchen und Gags darauf reagieren könnte. Andrea hat dazu ein paar sehr passende Worte gefunden.
Was das angeht, hat mich das Festival, auf dem ich mich am Wochenende befunden habe, davor bewahrt, gleich dutzendweise vermeintliche Spaßvögel zu entfolgen. Ich kann weder über solche Witze lachen, noch kann ich die Polemik ertragen, mit der beharrlich verkündet wird, dass wir es mit einer "Verklatschtenparade" zu tun haben, bei der sowieso mindestens jeder Zweite bis unter die Halskrause voll mit Drogen aller Art ist.
Aber zurück zu den etablierten Arche-Typen, die wir im Netz nach so einem Drama erleben: Da gibt es die Menschen, die ihr Mitgefühl aussprechen und tatsächlich ergriffen sind von dem, was sich da abgespielt hat. Egal, ob man das nun im Netz mitteilen muss oder nicht – diese Reaktion finde ich legitim und schließlich hat jeder seine eigene Art, mit solchen Ereignissen umzugehen. Das geht natürlich nicht, ohne dass die Polemiker einen Konter parat haben, der darauf abzielt, dass man die Todesopfer ja nicht persönlich kannte und daher die Ergriffenheit nur geheuchelt sein kann.
Mittlerweile treffen auch die ersten Sicherheits-Strategen ein, die es immer schon gewusst haben, dass das nicht gut gehen kann und praktischerweise auch direkt – möglichst mit einem Link zur knackigen Headline (man muss ja auffallen, um punkten zu können) – die Lösung parat halten, wie es besser hätte laufen können. Hilft hinterher viel, Jungs… Diese Kritik nimmt übrigens die Menschen aus, die mit den Gegebenheiten in Duisburg tatsächlich vertraut waren und sich auch vorher schon mit Bedenken zu Wort gemeldet haben. Thomas Lückerath, Chef-Redakteur bei dwdl.de, hat in seinem Artikel ausführlich von seiner Recherche zu diesem Thema berichtet und u.a. auch die O-Töne im Netz gefunden und verbreitet, die ihren Weg mittlerweile in jede Nachrichten-Sendung im TV gefunden haben.
Apropos Nachrichten: Neu ist mir übrigens, dass Medien-Angebote wie bild.de so an den Pranger gestellt werden wegen der angebotenen Bilder der obligatorischen Klickstrecken. Wie gesagt – ich war nicht wirklich viel online und habe daher nicht gesehen, was dort für Bilder online waren. Ich habe aber immerhin mitbekommen, dass unzählige Links zu Fotos, YouTube-Clips, etc geteilt wurden – ich schätze daher mal, dass die Fotos auf bild.de nicht viel schlimmer sein dürften, als die Dinge, die sowieso tausendfach via Twitter verbreitet wurden. Wir brauchen nicht darüber diskutieren, welchen journalistischen Gehalt die Berichterstattung dort hat, aber ich finde es zumindest ein wenig scheinheilig, dort zu einem Boykott aufzurufen und selbst fröhlich die Links zum Thema zu sharen – die Bild kann sich immerhin noch rechtfertigen, dass sie mit sowas ihr Geld verdient. In die gleiche argumentative Kerbe haut übrigens auch mthie.
Versteht mich nicht falsch – ich will hier niemanden dissen, der Bilder der Katastrophe rumschickt, Links zu Videos postet, etc. Ich finde es nur falsch, hier mit zweierlei Maß zu messen. Hätte statt der Bild boston.com im Rahmen seiner Big Picture-Serie Fotos veröffentlicht (und die sind nun wirklich keine Kinder von Traurigkeit in diesen Belangen), hätte man vermutlich zunge-schnalzend von "schrecklichen, aber eindrucksvollen" Bildern berichtet.
Abschließend möchte ich auch noch ein paar Sätze loswerden, die sich mit der eigentlichen Thematik des Duisburg-Desasters auseinandersetzen. Ich habe natürlich auch meine Meinung zu dem Thema. Für die könnt ihr mich natürlich gerne beschimpfen, ändern wird sie sich dadurch aber vermutlich nicht. Ich glaube persönlich nämlich nicht daran, dass es so leicht ist, "Bürokratie" oder den "Veranstalter" für die Katastrophe verantwortlich zu machen. In der gestrigen Pressekonferenz kam es mir zumindest so vor, als wäre McFit-Gründer und selbsterklärter Retter der Loveparade Rainer Schaller der Einzige gewesen, der wirklich fertig war, wirklich kreidebleich vor der versammelten Presse saß – und auch der Einzige war, der sich wirklich für den Samstag und die Ereignisse geschämt hat. Er hat seine Konsequenz – nie wieder Loveparade – getroffen, während Duisburgs OB und die anderen eher damit beschäftigt waren, Schuldzuweisungen von sich zu weisen. Ich mach deshalb ihm weniger den Vorwurf, weil er viel Geld nicht zuletzt deswegen investiert hat, weil er natürlich mehr Geld erwirtschaften wollte. Wenn er – weil er nun mal Geschäftsmann und kein Sicherheitsexperte ist – ein Konzept vorschlägt, welches ihm ordentlichen Reibach verspricht, allerdings Sicherheitslücken aufweist, dann sind doch wohl andere gefragt, das exakt so zu bewerten und die dementsprechenden Schlüsse daraus zu ziehen. Das bringt mich zum zweiten vermeintlichen Übeltäter: die "Bürokratie"! Die Bürokratie ist genauso wenig greifbar wie "der Deutsche" oder "das Internet"! Nicht zuletzt war es eben auch jene Bürokratie – in Form von Sicherheitsexperten, Feuerwehr und Polizei – die schon lange vor der Veranstaltung teils große Bedenken geäußert hat.
Ich bin weit entfernt davon, hier nun einen oder den Schuldigen zu benennen – dazu bin ich halt zu wenig Experte, aber zwei Zitate möchte ich euch noch mit auf den Weg geben, die mich zumindest ins Grübeln bringen:
Hier müssen alle Anstrengungen unternommen werden, um dieses Fest der Szenekultur mit seiner internationalen Strahlkraft auf die Beine zu stellen
Das sagte Fritz Pleitgen – der Vorsitzende der Geschäftsführung der Ruhr2010 GmbH – im Februar. Noch offensichtlicher äußerte sich Dieter Gorny, der angesichts der möglichen Absage einer Loveparade von einer "schallenden Ohrfeige" und einer "Blamage" für das gesamte Ruhrgebiet sprach und daher gefordert hat, alles Menschenmögliche zu unternehmen, um das Event zu stemmen:
Die Politik müsse sich dahingehend erklären, dass sie sagt: „Wir wollen die Veranstaltung und alle Kraft einsetzen, sie zu retten!
Beide Herren äußern sich meiner Meinung nach wenig rational. Zu verlockend scheint die Aussicht, der grauen Maus Duisburg/Ruhrgebiet diese gewaltige Strahlkraft zu verleihen. Die beiden – und natürlich Duisburgs OB Sauerland – sollten sich mal ganz kritisch hinterfragen und möglichst auch öffentlich kommentieren, ob man nicht ein paar Hebel in Bewegung gesetzt hat, um vorbei an jeglichen Bedenken diese Veranstaltung als kalkuliertes Risiko durchzusetzen. Simple Mathematik zeigt schon, dass die Durchführung ein absolut unvernünftiger Akt war.
Entgegen meiner normalen zweipunktnull-Vorgehensweise folgen jetzt keine Links zu irgendwelchen Facebook-Gruppen oder anderen Internet-Geschichten, die sich mit der Thematik auseinandersetzen. Ich gönne es jedem, sich durch den Beitritt zu so einer Gruppe mit dem Thema zu beschäftigen – wenn es jemandem hilft…Mir persönlich bringen aber weder diese Gruppen noch mit Schleifen versehene Loveparade-Avatare was oder eilig zusammengeschnittene YouTube-Videos, die die Szenen mit trauriger Musik unterlegen. Ich glaub auch nicht, dass Mahnwachen irgendwas bewirken können, aber wie gesagt – jeder muss das machen, was ihn am besten damit zurechtkommen lässt.
Nachträglich möchte ich übrigens noch den Verantwortlichen auf die Schulter klopfen, die letztes Jahr die Entscheidung getroffen haben, die Loveparade in Bochum zu canceln. So viel Eier würde man so manchem Politiker wünschen, sich – zugunsten der richtigen Entscheidung – einem so gewaltigen Shitstorm auszuliefern.
Jetzt ist es jedenfalls vorbei mit Loveparade und "Friede, Freude, Eierkuchen" – aus gutem Grund. Aber eine kleine Prognose möchte ich dennoch wagen: Ich denke, dass es in wenigen Jahren wieder eine Veranstaltung geben wird, die dem Loveparade-Konzept ähnelt. Sie wird anders heißen, sicherer ausgelegt sein und einen anderen Veranstalter haben – aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die Techno-Kuh auf Jahre hinaus ungemolken bleibt.




