07 Nov, 2010
Google Wars: Teil 1 – Nicaragua vs Costa Rica
Posted by: Casi In: Politik|World wide web
Zunächst einmal was Neues bei zweipunktnull: Statt Social Media-Gedöns oder Tech-Talk fange ich einen Artikel stattdessen mal mit ein wenig Länderkunde an: Es geht um Nicaragua, ein kleines Ländchen in Zentralamerika. Links begrenzt durch den Pazifik, rechts durch die Karibik. Nördlicher Nachbar ist Honduras und der südliche Nachbar ist Costa Rica. Genau um den Letztgenannten geht es in diesem Beitrag. Oder besser gesagt: Um die Grenze zwischen Costa Rica und Nicaragua.
Der Rio San Juan ist über weite Strecken der Grenzfluss zwischen den beiden Staaten. In der Geschichte hat sich dieser Grenzverlauf aber ein wenig geändert – zu Gunsten von Costa Rica, die durch diese Änderung ein paar km² Regenwald dazugewonnen haben. Um diesen Grenzverlauf – und nicht nur deshalb – gibt es schon mal Knatsch zwischen Nicaragua und Costa Rica. Ich zeige Euch mal folgendes Bild, um das Ganze etwas zu visualisieren. Es zeigt die Fassung von Google auf der linken und von Bing auf der rechten Seite:

Es handelt sich um eine Verschiebung der Grenze um 2,7 km, wie ich beim GoogleWatchBlog gelesen habe. Nagelt mich bitte nicht fest auf der exakten Stelle, wo der Grenzverlauf an die Karibik grenzt, denn tatsächlich ist es nicht einfach, eine vernünftige Karte dieses Abschnitts in ausreichender Auflösung zu finden. Laut ZDnet ist jedenfalls die rechts von Bing angezeigte Grenze die richtige. Faktisch bin ich da nicht der Einzige, der da so seine Schwierigkeiten damit hat und das ist exakt der Punkt, an dem Google ins Spiel kommt.
Im Gegensatz zum Street View-Projekt, bei dem man tatsächlich jede Straße abgefahren hat, um die entsprechenden Bilder zu machen, kauft der Internet-Riese existierendes Kartenmaterial und Satellitenbilder, um sie in den Projekten Google Maps und Google Earth zu verwenden. So kam es, dass Google uns eine andere als die aktuelle Grenze anzeigt. Oben im Bild links als dünne weiße Linie zu sehen.
Die eine Sache ist die, dass Google (und Microsoft bei Bing natürlich auch) sich auf die Daten von Dritten verlassen muss. Die andere Sache ist jedoch, mit welchen Daten die Militärs eines Landes arbeiten. Costa Rica meine ich damit nicht, denn das sogenannte "Schweiz Mittelamerikas" verfügt erstaunlicherweise über keine eigene Armee. Nicaragua hingegen verfügt über Militär und dieses war jüngst in einer "Reinigungsmission" unter Leitung von Kommandant Edén Pastora im umstrittenen Fluss-Gebiet unterwegs. Er hat sich auf die Daten von Google verlassen, fand eine Flagge Costa Ricas vor und hat natürlich nicht viel Zeit verloren, sie durch eine Flagge des eigenen Landes zu ersetzen.
Die Bevölkerung der nur spärlich besiedelten Region werfen Nicaragua jetzt nicht nur den Grenzverstoß und das Hissen der falschen Flagge vor, sondern auch die Zerstörung des Waldes in besagtem Abschnitt. Da sowohl Costa Rica als auch Nicaragua andere (nämlich richtige) Karten vorliegen und Costa Rica von jeher eine sehr friedliebende Nation ist, wird dieser Vorfall keine weitreichenden Folgen nach sich ziehen. Dennoch hat Google sich selbst zu diesem Versehen zu Wort gemeldet und sowohl erklärt, wie verzwickt die Lage bezüglich der Karten ist, als auch natürlich baldige Nachbesserung versprochen.
Wenn man nicht gerade im betroffenen Grenzgebiet lebt, kann man diese Geschichte durchaus mit einem Schmunzeln verfolgen. Ich möchte mir aber nicht ausmalen, was passieren könnte, wenn in einem solchen Fall andere Nationen betroffen wären, beispielsweise Nord- und Südkorea oder Pakistan und Indien. Ich möchte jetzt bewusst nicht wieder die Mär von der Datenkrake und Weltbeherrscher Google bemühen, denn ehrlich gesagt erwarte ich von Militärs – egal welcher Nation – dass sie sich auf militärisches Kartenmaterial verlassen und nicht ihre potentiellen Kriegsgegner durch Googeln ermitteln.


