Karl Theodor, Freiherr von und zu Guttenberg: Er ist nett, sympathisch, entschlossener Vollblut-Politiker, hat Vieles in seinen Ämtern bewegt – er ist kurz gesagt die Lichtgestalt der deutschen Polit-Szene. Dann die andere Seite: Er wird von Neidern demontiert, abgesägt, Opfer einer Hetz-Kampagne und mit ihm wird der einzige deutsche Politiker aus dem Amt gejagt, der überhaupt etwas bewirkt hat und so viele jüngere Menschen für Politik begeisterte.
Wäre diese Einleitung lediglich die Quintessenz dessen, was die Bild-Zeitung zusammenschreibt, könnte man grundsätzlich damit leben. Wenn ich aber – wie in diesen Tagen leider öfter – das Gefühl bekomme, dass große Teile der Bevölkerung blinde Lemminge sind, die dem großen Guttenberg hinterherrennen und exakt diese Bild-Meinung als die ihre interpretieren, laufen mir kalte Schauer über den Rücken. Wenn ich also provokativ frage, ob ihr dumm seid, meine ich logischerweise nur diejenigen, die sich den Schuh anziehen wollen, und ich meine es rhetorisch, weil ich im Grunde ganz sicher bin, dass viele, die ihm jetzt zur Seite springen, in Wirklichkeit alles andere als dumm sind.
Wir brauchen uns hier nicht darüber unterhalten, dass KTG Scheiße gebaut hat. Das wissen wir, dass weiß er und das weiß auch Angie Merkel, die er mit seinem Eiertanz übrigens fast noch mehr beschädigt hat als sich selbst. Aber scheinbar wissen es Millionen Menschen nicht – oder wollen es nicht wahrhaben. Genau wie der Kriegsminister leidet ein großer Teil der Bevölkerung an einer Wahrnehmungsstörung. Fast kaum einer argumentiert, dass er – wie er selbst sagt – lediglich schlampig gearbeitet hätte, stattdessen verkündet man augenzwinkernd, dass wir alle schon mal geschummelt haben. IST DAS EUER ERNST?? Wir lesen schwarz auf weiß, wie er gezielt seinen Doktor-Titel erschlichen hat, kennen unzählige Beispiele von Menschen, denen aufgrund wesentlich geringerer Vergehen die Karriere ein für allemal verwehrt bleibt – selbst innerhalb der CDU gibt es Menschen, die aufgrund eines ähnlichen Vergehens ihr Amt niederlegen mussten.
Worauf ich hinaus will: Es geht nicht darum, welche Meinung wir haben, was er getan haben könnte – es geht um die Faktenlage. Wenn ich einen Ladendieb überführe, das Diebesgut sicherstelle und ihm zudem auf Video noch vorführe, dass er besagten Artikel eingesteckt hat, stellen wir uns doch auch nicht hin und winken lässig ab, weil wir ja alle schon mal geschummelt haben, oder? Aber genau das wird hier getan, weil KTG so sympathisch, so gut aussehend, so charismatisch ist. Nehmt als perfektes Beispiel für die Verblendung vieler Bürger diesen Clip:
Das Problem bei diesem Mitschnitt: Diese Frau ist nun eher einfach strukturiert, also keine große Kunst, sie so vorzuführen – aber viele intelligente Menschen in meinem Umfeld "argumentieren" derzeit ähnlich, was mir ein wenig Kopfschmerzen bereitet.
Das Guttenberg-Exempel
Mehr als 400 Wörter "verschwendet" mit meiner persönlichen Meinung zum Thema Guttenberg, dabei wollte ich auf etwas ganz anderes hinaus – nämlich auf das, was hier gerade passiert ist und wieso es mich trotz der Verblendung vieler Bürger vorsichtig optimistisch macht. Vor knapp zwei Jahren haben wir Digital Natives uns darüber gefreut, wie viele Menschen wir gegen Zensursulas Netzsperren mobilisieren konnten. Damals ging es um ein Thema, in dem wir uns fit fühlten, das ist der große Unterschied zur Guttenberg-Geschichte. Dank Guttenplag-Wiki wurde zwar im Netz entscheidend dazu beigetragen, dass die Story den bekannten Ausgang genommen hat, aber das hier ist kein Thema für ein paar versprengte Nerds, hier wurde innerhalb weniger Tage der vermeintlich beliebteste Politiker des Landes aus seinem Amt getrieben.
Nehmt es als ein Exempel, welches am Politstar Guttenberg statuiert wurde. Nicht, weil es um ihn persönlich oder um seine Dissertation ging, sondern ausschließlich deswegen, weil es ging. Wikileaks zeigt doch ganz klar den Weg: Wenn ich Politiker bin – oder auch Unternehmer – sind Millionen Augen auf mich gerichtet. Damit meine ich nicht die Augen, die die vorgekauten und aufbereiteten Nachrichten und Zeitungen betrachten, sondern die Augen der Leute, die mit vielen anderen Menschen vernetzt sind, die via Twitter und Facebook schneller informiert sind, als ein Politiker ein "abstrus" in Journalisten-Mikrofone husten kann, die genügend investigative Energie, genügend Ideen und genügend Intelligenz mitbringen, um einer sehr, sehr großen Menge Menschen eine Problematik darzulegen.
Bevor wir uns falsch verstehen: Es geht hier nicht um die Menge der Menschen, die sich zu Wort melden, sondern um die Qualität. 30.000 Doktoranden wiegen schwerer als mittlerweile 500.000 Mitglieder einer Wir-wollen-Guttenberg-zurück-Gruppe bei Facebook. Wenn sich – wie in dem aktuellen Fall – honorige Menschen der Uni Bayreuth so eindrucksvoll zu Wort melden, wie es beispielsweise Prof. Dr. Lepsius getan hat, können sich auch Politiker aus den eigenen Reihen nicht mehr vor den Argumenten verschließen. So kann Druck erzeugt werden, so kann man Entscheidungen erzwingen und so kommen wir vielleicht so nach und nach der Vorstellung von Demokratie nahe, die ich mir persönlich erwünsche: Es gewinnen nicht die, die am lautesten trommeln, sondern die, die über die besten Argumente verfügen. Da kann die Bild ihre Millionen Lemminge noch so sehr manipulieren und mit kruden Umfrage-Ergebnissen hausieren gehen.
Wenn das zukünftig so funktioniert, wenn wir Blender entlarven und überführen können, wenn wirkliche Experten Politikern aufzeigen können, wo sie falsch liegen (und diese gezwungen sind, wirklich zuzuhören) – dann habe ich leise Hoffnung, (puh, wie vermeide ich jetzt ein pathetisches 'bessere Welt' oder ähnliches?), dass wir uns auf einem sehr ordentlichen Weg befinden. Es ist nicht Facebook, welches Diktatoren stürzt und es ist nicht Twitter, welches Minister zum Rücktritt zwingt – es handelt sich lediglich um uns, das Volk, welches gerade lernt, die neuen Möglichkeiten zu nutzen.


