Erst mal ein Geständnis zum warm werden: Ja, ich vertreibe mir gerne die Zeit mit "Bauer sucht Frau" und Co. Diese skurrilen Charaktere machen gerade in Verbindung mit einer Twitter/Facebook-Timeline Spaß, die fast geschlossen ebenfalls diese Formate verfolgt. Klar, dass sich da auch Sat1 nicht lumpen lässt und eine ähnliche Sendung auf die Beine stellt. Bei "Schwer verliebt" hat sich Sat1 auf die Fahnen geschrieben – Nomen est omen – die etwas schwer vermittelbaren Fälle unter die Haube zu bringen, wobei das "schwer" sich auch auf die Körperfülle der Kandidaten bezieht.
Das läuft ähnlich ab wie bei "Bauer sucht Frau" oder "Schwiegertochter gesucht": Eine Person, bei der man mehr oder weniger Fremdschäm-Potential erwarten kann, wird ins Medien-Schaufenster gestellt und bekommt dann einige Kandidaten, die sich vorstellen können, diesen Menschen besser kennen zu lernen und sich bestenfalls vielleicht sogar in ihn zu verlieben.

Ich habe mir neulich erstmals eine Folge von "Schwer verliebt" angeschaut und bin direkt an dem Charakter der etwas schrägen Sarah hängengeblieben. Ein Mensch, der Barbiepuppen sammelt, ist erst mal nicht weiter nennenswert. Wenn diese Puppen aber alle ihre eigenen Steckbriefe, Historien und – mitunter erotische – Zeichnungen erhalten, dann staunt man erst mal nicht schlecht. Sie flüchtet sich gern in ihre Barbie-Traumwelten und ist damit direkt zur "Heldin" der Sendung geworden. Via Twitter und Facebook gibt es nicht nur ungläubiges Staunen, sondern auch vielfach Häme und genau dieses Fremdschämen, durch das so eine Sendung überhaupt nur funktioniert. Auch ich habe mich bei der Frage ertappt, wie man so abgedreht sein kann wie die "romantische Regal-Servicekraft", wie sie auf Sat1 umschrieben wird.
Schon bei Bauer sucht Frau gab es auch so einiges an Kritik, weil die Geschichten eben nicht immer ganz so ablaufen, wie wir das glauben sollen. Da sollen Frauen verkuppelt werden, die schon längst verheiratet sind, Liebes-Geschichten werden am Köcheln gehalten, die es in Wahrheit schon längst nicht mehr gibt. So wie es aussieht, geht "Schwer verliebt" hier aber noch einen gehörigen Schritt weiter und orientiert sich eher an den "Scripted Reality"-Formaten, die nachmittags die Slots der privaten Sender verstopfen. Dabei geht es dann eben nicht um wahre Geschichten, sondern lediglich darum, dass Laien-Darsteller uns vorspielen, dass es eine wahre Geschichte sein soll.
So entstehen Storylines, die so gar nichts mehr mit dem zu tun haben, was sich ein Mädchen vielleicht vorher denkt, bevor sie ihren Vertrag mit dem Sender unterschreibt. Schäbiger Effekt dieser Vorgehensweise: TV-Deutschland nimmt das für bare Münze, was sie uns da erzählt, während sie im Leben nicht von allein auf die Idee gekommen wäre, dieses oder jenes so zu äußern – aber Vertrag ist schließlich Vertrag. Das besonders hämische Kommentieren ihrer Geschichte in der Sendung tut ihr Übriges und so ist es kein Wunder, dass sich die Einwohner ihres 800-Seelen-Nestes mittlerweile sogar in der Dorfkneipe treffen zum "Public Viewing", wenn "Schwer verliebt" läuft. Sarah ist Kult und so schaut auch in dieser Minute wieder ein Millionen-Publikum zu, wie sie sich vor laufender Kamera zum Löffel macht – mit zwei Männern, von denen sie übrigens so gar nichts will.
Herausgekommen ist diese Vorgehensweise des Senders jetzt dadurch, dass Sarah gegenüber der Rhein-Zeitung ausgepackt hat. Die Verträge mit Sat1 verbieten sowas natürlich, aber da ihr diese ganze Sache zu heftig wurde, hat sie sich zu diesem Schritt entschlossen. Während nämlich wir in ein paar Monaten schon längst wieder über wen anders lachen, wird sie die Geschichte nicht so ohne Weiteres abhaken, Sat1 hinterlässt da eine Menge verbrannte Erde. Wie in der Rhein-Zeitung berichtet wird, hat man ihr tatsächlich die ganzen kruden Sätze wortwörtlich in den Mund gelegt, mit denen sie sich nun deutschlandweit lächerlich macht und auch ihre Barbie-Sammlung wurde viel prominenter in den Mittelpunkt gerückt, als es dem tatsächlichen Stellenwert in ihrem Leben entspricht.
Mittlerweile gibt es mit Auf Sarahs Seite sogar einen eigenen Internet-Auftritt, in dem man seine Sympathiebekundungen für Sarah loswerden kann, um ihr zu zeigen, dass sie nicht für ganz Deutschland eine Witzfigur ist. Ob das fruchtet, oder ob das nur eine viel zu kleine Öffentlichkeit erreicht, vermag ich nicht zu sagen. Ich fürchte aber, dass man gegen so ein Millionenpublikum nicht so einfach anstinken kann. Auch ein Blog-Beitrag von mir kann da sicher nicht viel ändern, aber zumindest ich für meinen Teil hinterfrage solche Formate zukünftig anders. Wie steht ihr dazu? Gehört das dazu, dass diese vielleicht manchmal etwas simpler strukturierten Menschen vorgeführt werden und wir das in Kauf nehmen, dass so eine Person dann in ihrem richtigen Leben vermutlich noch schlechter klar kommt als vorher, oder hat Sat1 hier eine Grenze überschritten?
Quelle: Rhein-Zeitung





