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25 Nov, 2010

Bloggen in Deutschland: Alle für Einen oder Jeder gegen Jeden?

Posted by: Casi In: Blogs

Anlässlich der halbjährlich wieder entdeckten Blogliebe habe ich ja neulich bereits ein paar Gedanken unters Volk gejubelt. Gedanken, die darüber hinaus gehen, was eine Blog-Aktion für die Blogosphäre bedeutet – oder eben nicht bedeutet. Gedanken, die zeigen sollten, dass wir es hier mit einem Mikrokosmos zu tun haben, der durchaus als repräsentativer Schnitt der deutschen Bevölkerung durchgehen könnte. Es gibt nicht den Archetypen "deutscher Blogger" oder den "Blogger" generell. Genau wie beim Konzert, im Kino, auf der Arbeit und auf dem Sportplatz gibt es immer tolle Gestalten und totale Vollpfosten, Alphatiere und Hinterher-Renner, angenehme Typen und die kantigen, weniger zugänglichen. 

Wieso ich das sage/aufgreife? André hat mich drauf gebracht, der gerade einen ebenso bemerkens- wie lesenswerten Artikel verfasst hat, der sich eben genau damit auseinandersetzt. Der schön rausarbeitet, dass die gesamte Blogosphäre einen Arsch und einen Kopp hat, wenn es gegen die Bösen dieser Nation (von der Leyen, DB, whatever) geht, sich ansonsten gegenseitig aber nicht den Dreck unter den Fingernägeln gönnt. Gerade die ein-Herz-für-Blogs-Aktion hat sehr anschaulich gezeigt, dass auf der großen Blogger-Bühne die ganz großen Eitelkeiten gepflegt wurden, während der eigentliche Sinn der Sache den Bach runter ging.

Allerdings habe ich nicht das Gefühl, dass damit ein wirklich negatives Signal von der deutschen Blogosphäre ausgeht, weil – siehe oben – es einfach nur widerspiegelt, wie die Gesellschaft sonst auch funktioniert. Ich persönlich halte von der Aktion nicht besonders viel, aber für viele andere bedeutet es was und wenn eine Handvoll Menschen die ein oder andere Perle durch dieses Event findet, dann ist es doch toll – unabhängig davon, dass es manch einer eben nicht so klasse findet, aus welchem Antrieb auch immer.

André greift in seinem Lagebericht der deutschen Blogosphäre einen Gedanken auf, der auch mich des öfteren umtreibt: Wie bekommt man sowas wie einen Bloggerverband organisiert? Wer braucht sowas überhaupt und wozu? Zu letzterem habe ich vor knapp einem Jahr schon ein paar Sätze geschrieben, die grob so ein Betätigungsfeld für einen solchen Verband abstecken sollten:

Wie melde ich ein Gewerbe an und welches überhaupt? Was darf ich nebenbei so verdienen und wie ist das zu versteuern? Neben so grundsätzlichen Dingen würde ich im Rahmen eines Blogger-Verbandes auch ganz andere Punkte geklärt haben wollen: Wie verhalte ich mich bei einer Abmahnung? Wie etabliere ich mein Blog als Marke? Oder noch einfacher: Wie komme ich an Leser, wie binde ich meine Leser, wie bewege ich mich in der Blogosphäre, welche Inhalte (Bilder, Videos) darf ich einbinden und welche nicht? Es gibt tausend Fragen, die immer wieder auftauchen und die sowohl für Neu-Blogger als auch Etablierte von Interesse sind. 

Meiner Meinung nach wirft André die rhetorische Flinte zu schnell ins Korn, wenn er angesichts der so absolut unterschiedlichen Charaktere in Klein-Bloggersdorf wenig Chancen für eine so notwendige Organisation sieht:

Tatsache ist, dass es an gemeinsamen Identifikationspotentialen mangelt. Die Blogger sind so sehr in einem Verbund eingeschlossen, wie es Autofahrer sind – nein, nicht die Fahrer einer Marke, sondern alle. Hier wird die Vorfahrt missachtet, gerast, im Stau gestanden, andere werden geschnitten, angepöbelt oder vor der Ampel angeflirtet. Wieder andere drehen die Musik im Chassis so laut auf, dass sie von dem da draußen nichts mitbekommen.

Ich sehe es hundertprozentig so wie er, was die Vielfalt angeht, komme aber dennoch zu einer ganz anderen Bewertung. In den Comments seines Artikels beziehen sich einige seiner Leser auf den Vergleich mit den Autofahrern und werfen den ADAC in die Waagschale. Egal, ob ich Fahranfänger oder Rentner, Formel1-Weltmeister oder Verkehrs-Rowdy – Ferrari- oder Fiat Punto-Fahrer bin (Sorry, Caschy – ich musste das Beispiel einfach aufgreifen *g*) – ich bin mit allen anderen in einem Verband organisiert.

Genau so sieht es in der Blogosphäre doch auch aus. Es gibt Blogs mit 2 und Blogs mit 50.000 Lesern, Rechtschreib- und Design-Katastrophen und stylishe sowie wortgewandte Überflieger, Proleten, Journalisten, Fachidioten, Träumer und was auch immer. Wenn mir sowas wie ein Dachverband irgendeinen Benefit bringen würde – wäre es da nicht scheißegal, ob ich über Blumensamen oder Stutenkerle blogge? Oder ob ich alle anderen Blogger außer mir zum Kotzen finde? Ich würde doch auch im Rewe einkaufen gehen, obwohl der verhasste Nachbar manchmal auch dort sind. 

Ich bin größtenteils bei André und seinen Ausführungen, glaube aber einen Fehler in seinen Überlegungen ausgemacht zu haben. Bis auf die Bloggerei an sich brauchen wir keinen gemeinsamen Nenner. Wir müssen nicht alle Hand in Hand stehen und uns von morgens bis abends gegenseitig beipflichten. Nicht jeder Blogger kommt irgendwann mal in die missliche Lage, sich gegen abmahnwütige Anwälte durchsetzen zu müssen, was neben Information und seelischen Beistand eventuell auch ein finanzielles Polster verlangt. So scheiße sind wir nicht vernetzt – also würde uns auffallen, wenn einer aus unseren Reihen von der Industrie oder der Politik drangsaliert wird. Das passiert also nun nicht so sehr häufig – korrigiert mich, wenn ich da falsch liege.

Viel häufiger werden aber vielleicht die Fragen gestellt, die ich oben schon formuliert habe. Copyright-Fragen und Hinweise zu Verdienstmöglichkeiten beispielsweise. Wie bei vielen Verbänden wäre es also auch in diesem Fall so, dass jedes Mitglied seine eigene Motivation zum Beitritt hätte. Ich würde zum Beispiel nicht 10 Euro im Monat zahlen, wenn ich lediglich ein paar steuerrechtliche Fragen hätte und darüber hinaus nicht mal in die Nähe einer finanziell unangenehmen Abmahnung kommen würde. Jemand wie Markus Beckedahl, der mit dem Thema Netzpolitik auf viel dünnerem Eis balanciert, würde es sich vielleicht aber wesentlich mehr als 10 Euro monatlich kosten lassen, wenn dafür gewährleistet wäre, dass ihm nicht durch einen einzigen Artikel finanziell das Genick gebrochen wird.

Vor meinem geistigen Auge entsteht sowas wie ein Freemium-Modell. Zahle ich einen hohen Preis, erhalte ich umfangreiche Leistungen aus diesem Verband. Zahle ich jedoch gar nichts, dann finde ich trotzdem ausreichend Information darüber, wie ich ein WordPress-Blog einrichte, grundlegende rechtliche Hintergründe oder Tutorials, die mir helfen, qualitativ einen Schritt nach vorne zu machen. Egal, ob es diese beiden Varianten gibt oder weitere Staffelungen: Ich alleine würde entscheiden, ob und welche Alternative für mich greift.

Das ist jetzt lediglich, was ich mir vorzufinden wünsche. Dummerweise ist das meilenweit vom Ist-Zustand entfernt. Natürlich bleiben dennoch tausend Fragen: Wer kann sowas auf die Beine stellen? Müssen das zwingend Alpha-Blogger sein, die das stemmen, oder kann sowas auch funktionieren, wenn sich nicht die Lobos und Haeuslers der Nation darum kümmern? Können private Befindlichkeiten und Ziele beiseite gewischt werden, um in der Sache an einem Strang (und auch in die gleiche Richtung) zu ziehen? Mein Glück, dass ich es nicht beantworten muss. Was glaubt ihr? Notwendig oder nicht? Machbar oder nicht? Und wer solls richten?

Lest zum Thema übrigens auch bitte Roberts Text.

  • Kai Thrun

    Guten Morgen,

    ich halte es nicht für notwendig – auch wenn ich es in Moment nicht mehr lesen kann, wird die Diskussion evtl. zumindest im Kopf einiger “eine reinigende Wirkung” haben.
    Generell teile ich deine Meinung, da ich selbst nicht an einem Verband oder dessen Mitgliedschaft interessiert bin. Daher halte ich ihn nicht für notwendig. Machbar wäre das sicherlich, irgendwer müsste halt seinen trägen Hintern mal hoch bekommen. Aber wie gesagt, mir wäre es völlig hupe.

    Das Problem was ich sehe ist, angenommen da stellen sich Leute vorn hin und versuchen das durchzuziehen. Dann passen dem einen die Nasen nicht, der Nächste geht nach Mist wühlen, und was erlauben die sich eigentlich sowas zu machen … insgesamt würden sich die Lager abermals teilen. In Verbandsmitglieder und Nicht-Mitglieder – ich hege meine Bedenken, ob eine weitere Spaltung insgesamt wirklich gut wäre.

    Aber ich habe auch leicht reden, ich mag mein Bloggerleben wie’s ist und habe auch kein Beef 😉

  • http://parkrocker.com Parkrocker

    Nicht so viel diskutieren – einfach mal machen… 😉

  • Pingback: If the Blogs are united | HappyBuddha1975

  • Sensei

    Das ist ein verdammt interessanter Punkt, aber ich glaube ich weiß nicht genau ob es wirklich Sinn machen würde.

    Generell spricht sicher nichts gegen denke ich 🙂 wobei der Erfolg sicher erst mit mehreren Jahren kommen würde wenn sich die Organisation etabliert hat

  • Mark1970

    Die meisten Blogger haben eine Profilneurose


  • guest1: Hey, mag der Betreiber dieser Seite das Kommentar bitte löschen, da ich nicht länger möchte, dass mein Name hier auftaucht. Dankeschön 🙂
  • Gernot Herzog:  Zum Glück gibt es nicht nur Facebook ich habe da eine Alternative gefunden, die meine Freizeit auch noch mit vielen Extras versüßt. http://www.si
  • Maria: Fotobücher sind echt eine tolle Idee, aber leider ja wie du schon sagst auch etwas teuer. Ich habe letztens eine super Alternative gefunden und zwar

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